Ein Debüt. Ein Roman, der nach Irland führt, hoch in den Nordwesten, in ein Tal im County Mayo und dort in ein Dorf. Um das Dorf herum liegt Wald, ein Gestrüpp voller unklarer Bedrohungen, und im Dorf ballen sich die merkwürdigsten Charaktere, und um diese herum wuselt es, wie in einem Märchen, von gelangweilten oder unglücklichen Toten. Dieses Märchen hier handelt von einem Waisen, der eines Tages mitten in diesem Kaff namens Mulderrig einem Bus entsteigt und im Gewühle aus Dörflern und Geistern nach seiner Mutter sucht, nach Orla, die kurz nach seiner Geburt über Nacht verschwand, da war sie ihrerseits fast noch ein Kind.

Die Autorin lässt ihre Handlung hin- und herspringen, im Zickzack-Parcours zwischen diesem Mai 1950, als Orla plötzlich weg war, und dem April 1976, als ihr Sohn, Mahony, plötzlich auftaucht, in Sprüngen und Arabesken nähert sich die Erzählung dem Punkt der Aufklärung, nicht ohne auf dem Weg noch eine Fülle von komischen und erschreckenden und verrückten Episoden mitzunehmen – man möchte sich verneigen vor Jess Kidd.

Jess Kidd, geboren 1973 in London, hat als Kind offensichtlich genügend Sommer bei Verwandten im County Mayo verbracht, um eine dichte Atmosphäre von Irishness, von Schönheit und Besessenheit und Gewaltbereitschaft, aufzusaugen. Und hat das schriftstellerische Können, um diesen Kosmos auf die Bühne zu bringen. Sie hat sogar noch eine zweite Handlungsebene eingezogen, auf der die Laienschauspieler des Dorfes für eine Inszenierung des Stückes Der Held der westlichen Welt proben, mit dem John Millington Synge im Jahre 1907 in Dublin Straßentumulte auslöste, wegen Moraldefizit.

Von Synge hat Kidd sich einiges ausgeliehen, etwa ein bisschen für den Namen ihres Helden, Mahony, der ein verdammt attraktiver Typ ist, so wie Synges Playboy, der Mahon heißt, das eröffnet Gelegenheiten für aufsteigende Röte bei der weiblichen Dorfbevölkerung, für runterrutschende Schlüpfer und den Sound brechender Herzen. Das Thema Moral durchsuppt alles, weil Mahonys Mutter das war, was man ein Dorfflittchen nannte, eine Kindfrau mit einer legendären irischen Neigung zur Tollkühnheit und Bedenkenlosigkeit, was zu ihrem vaterlosen Baby führte und nicht wenigen im Dorf ein Motiv bescherte, dieses kleine Biest aus dem Weg zu räumen.

Klug eingefädelt also. Die Autorin kann eine Fülle der bizarrsten Charaktere herbeiwinken, ganz in der angelsächsischen Tradition, dass Exzentrik eine Tugend ist. Am schönsten wird sie verkörpert von einer Mrs. Cauley, die in einer versifften Villa am Rand des Dorfes wohnt, in der sich Mahony einquartiert. Zwischen dem Junghund und dieser vom Alter verwüsteten Schauspielerin entspinnt sich etwas, was selten ist in der Literatur, eine nicht erotische Liebe. Sie ist das anrührende Kraftzentrum des Buches, von Mrs. Cauley befeuert, startet Mahony seine Ausfälle in das ihn feindlich beäugende Dorf, zu Befragungen unwilliger Leute.

Irland hat eine lange Tradition von Widerständigkeit (gegen Besatzer) und frömmelnder Unterwerfung (unter die Kirche) und Gewaltbereitschaft gegenüber Andersdenkenden (Protestanten, Katholiken). All diese Neigungen kommen zum Tragen. Da weht der kalte Wind fundamentalistischer Rechtschaffenheit. Einige riskieren ihre Ehe oder Sicherheit, um zu tun, was sie für richtig halten, nämlich Mahony den Rücken zu stärken. Die Autorin, die wie ihre Orla schon durch Bockigkeit aufgefallen ist, etwa schöne Bildungswege abbrach, um dann in der Abendschule weiterzumachen, und die wie Orla eine alleinerziehende Mutter ist, verfügt über weitgesteckte Empfindungsräume – solche, in denen der Übermut regiert oder die Bosheit, und andere, in denen nackte Verzweiflung herrscht. In wenigen Strichen skizziert sie den Horror eines von Priestern geführten Waisenhauses. Sie kann anrührende Charaktere und Kotzbrocken, Rotzigkeit und Zartheit, manchmal alles in einer Person. Kidd hat ein Gespür für Sprachmodalitäten, für schnelle Wechsel von einer Tonart in die andere, etwa von Bestürzung zu Angst zu Komik, wenn nötig, alles aus einem Mund.

Es ist eingewendet worden, dass Kidd sich mehr aufgetischt hat, als sie auskosten kann. Das stimmt. Es ist ein wenig so wie im wirklichen Leben, dass man es nicht schafft, jede interessante Begegnung zu vertiefen. Das beschädigt das Buch nicht. Denn wundersam entfalten sich im Dickicht von Handlung und Charakteren einzelne Szenen von großer Kraft.

Tötungsszenen. Eine Hündin, die ihrem Herrchen in den Wald folgt und sich nicht abschütteln lässt, weil sie etwas Gefahrvolles spürt, und wie er mit der Schaufel auf sie, die ihm so Ergebene, losgeht und sie ihm verendend nachrutscht. Eine selbstgerechte Alte, vom Mörder systematisch hingerichtet. So wie Orla, die schon im Prolog des Buches exekutiert wird, Orla, die, als sie die Schläge kommen sieht, ihr Baby ablegt.

Kidd nimmt sich Zeit für Szenen. Sie erlaubt weder sich noch uns, noch den Opfern, mit weniger als dem Zumutbaren wegzukommen. Es ist ja auch ein Krimi.

Jess Kidd: Der Freund der Toten.
Roman; a. d. Engl. v. U. Wasel u. K. Timmermann; DuMont Verlag, Köln 2017; 381 S., 20,– €, als E-Book 15,99 €