Auch im 67. Jahr ihrer Existenz hat die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung es nicht geschafft, sich eine Frau zur Präsidentin zu wählen. Auch ihr elfter Präsident ist ein Mann, wie es seit 1950 in Darmstadt üblich ist. Man kann zu Recht, wenngleich wohl mit den gängigen Argumenten, darüber diskutieren, warum das auf diesem Olymp der deutschen Sprache immer noch so ist. Davon abgesehen ist die Wahl vom Freitag hervorragend: Zum Nachfolger des seit 2011 wirkungsvoll amtierenden Präsidenten Heinrich Detering wurde auf der Herbsttagung der Akademie Ernst Osterkamp gewählt, wie sein Vorgänger einer der renommiertesten Germanisten des Landes. Damit bleibt das Amt eine Domäne der Literaturwissenschaften: Denn vor Detering war der Anglist Klaus Reichert seit 2002 Präsident. Osterkamp, Jahrgang 1950, lehrte bis zum vergangenen Jahr an der Berliner Humboldt-Universität. Er ist ein bedeutender Kenner Goethes und der Literatur um 1800, hat wegweisende Deutungen zu den Werken Stefan Georges und Rudolf Borchardts vorgelegt und ist zudem ein geschätzter Literaturkritiker – all das als glänzender Stilist, wie er in den Wissenschaften selten zu finden ist. Man könnte jetzt frotzeln über einen vermeintlichen ästhetischen Paradigmenwechsel, vom Thomas-Mann-Analytiker und Bob-Dylan-Interpreten Detering hin zum George-Exegeten Osterkamp. Dass dieser die Akademie in einen Dichterstaat aus dem Geist Georges umbauen wird, muss man aber nicht befürchten.

Bei den jährlichen Ehrungen der Akademie offenbarte sich dann am Samstag eine sehr spezielle intellektuelle Konstellation. Den Büchnerpreis, die wichtigste deutsche Literaturauszeichnung, erhielt der Dichter Jan Wagner, den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa die Historikerin und Maria-Theresia-Biografin Barbara Stollberg-Rilinger. Beim Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay hatten schließlich Ernst Osterkamps Meisterschüler unter seinen Augen ihren Auftritt, wie des Öfteren vor zwanzig Jahren in seinem Seminar an der Humboldt-Universität: Die Auszeichnung bekam Jens Bisky, Feuilletonredakteur der Süddeutschen Zeitung; die Laudatio hielt Steffen Martus, seinerseits Professor für Neuere deutsche Literatur an ebenjener Humboldt-Universität. Berliner Aufklärung leuchtete in Darmstadt.