Bisher gab es auf dem deutschen Buchmarkt erst einen zeitgenössischen Kriminalroman, der von einem in China lebenden Autor auf Chinesisch verfasst wurde. Mai Jias Das verhängnisvolle Talent des Herrn Rong (2002) war ein historischer Agenten- und Politthriller – so wie auch jetzt der zweite, Xiao Bais Die Verschwörung von Shanghai.

Darin tut sich am 19. Mai 1931 am Huangpu ein mondänes Filmplakatbild auf. Der Passagierdampfer Paul Lecat kehrt aus Hanoi und Hongkong zurück und schiebt sich in den Hafen von Shanghai. An der Reling lehnt der Fotograf Hsueh Weiss. Ein Taschentuch segelt vorbei, fallen gelassen von einer geheimnisvollen Frau, deren Gesicht ihm bekannt vorkommt. "Es musste im Kino gewesen sein. Aber in welchem Film? Er konnte nicht aufhören, sie anzustarren." Es ist der Auftakt zur klassischen Konstellation: ein Mann zwischen zwei Frauen.

An Land wird Augenmensch Hsueh wenig später Zeuge eines Attentats. Auf Leng, so heißt die Unbekannte, und ihren Mann wird geschossen. Er, der Chef der Militärjustiz in Shanghai, kommt um, sie lässt sich rechtzeitig aus der Limousine fallen und taucht ab. Als Mitglied der kommunistischen Untergrundzelle "Volksmacht" war sie in die Anschlagspläne eingeweiht.

Die Waffen sind real

Unübersichtlich, verworren, doppelbödig wie in einem Spionagefilm sind hier auch alle anderen Verhältnisse, die persönlichen wie die politischen. Dem Leser wird Konzentration abverlangt, trotz Personenliste und historischem Überblick im Anhang: schnelle Szenenwechsel, Decknamen und eine undurchsichtige Lage zwischen kolonialer Herrschaft einerseits und politischer Instabilität andererseits. Shanghai war 1931 eine Weltstadt, in der die Kolonialmächte in extraterritorialen Konzessionen mit eigener Polizei schalteten und walteten. Der chinesische Teil der Millionenmetropole wurde von der kriminellen Geheimgesellschaft Green Gang und der nur durch die Uniform von ihr unterscheidbaren nationalen Kuomintang-Armee Chiang Kai-sheks beherrscht. Am Horizont rasselten die Japaner mit den Säbeln, im Untergrund agierte die Kommunistische Partei. Deren charismatischer, in der Sowjetunion ausgebildeter örtlicher Führer ist im Roman Ku. Die Witwe Leng will ihm und der "Volksmacht" beweisen, dass sie eine gute Genossin ist. Deshalb versucht sie, den Fotografen Hsueh zu verführen und für den Kommunismus zu gewinnen. Hsueh ist ein weicher Mann, der es allen recht machen will, der melancholischen Leng ebenso wie seiner promisken Geliebten, der Waffenhändlerin Therese, und schließlich der französischen Konzessionspolizei, deren bezahlter Spitzel er geworden ist. Hsueh, halb Franzose, halb Chinese, laviert zwischen allen Welten, ein Tagträumer, der sich die Namen der Waffen jener kommunistischen Agenten, von denen er in erfundenen Schauergeschichten der Polizei berichtet, in Kriminalromanen anliest.

Die Waffen jedoch sind real. Hsuehs Geliebte Therese Irxmayer, jüdische Russin mit angeheiratetem deutschem Namen, verkauft sie an jeden. Auch an Ku, der für ein geplantes Massaker am Nationalfeiertag seltene Schießbecher aus Deutschland ordert, mit denen man Flinten als Schnellfeuergewehre umnutzen kann. Wie alle Figuren dieses mit Sex, Crime, Gewalt und Modergerüchen spielenden Romans gerät Therese in Konflikt mit den Vorgaben, die ihre Rolle verlangt. Eigentlich will sie nur Sex, dazu Geld zum mondänen Überleben. Aber sie verliebt sich in Hsueh und versucht, ganz ähnlich wie die kommunistische Fellowtravellerin Leng ihrerseits, ihn gegen ihr Interesse aus den Fängen der Polizei sowie der Kommunisten zu retten.

Überhaupt die Kommunisten. Von dem in den USA lebenden chinesischen, aber englisch schreibenden Krimiautor Qiu Xiaolong wissen wir, dass er seine im Shanghai von heute angesiedelten Kriminalromane in China nur unter der Bedingung veröffentlichen durfte, dass sie in der anonymen "H-City" spielen. Ähnliche Interventionen der Zensur sind im Falle von Xiao Bai nicht bekannt. Aber Tarnungstechniken und Taschenspielertricks des Autors sind vielleicht nicht nur ein postmodernes Spiel. Der Autor hat sich ein sprechendes Pseudonym zugelegt: Xiao Bai bedeutet so viel wie "der kleine Weiße" oder "der kleine Namenlose", außerdem bezeichnet der Name einen Internet-Troll, also einen Blogger, der Aufmerksamkeit erregen, aber unbekannt bleiben will. Spärlich sind die Informationen, die die Sprachgrenzen überwunden haben: Xiao Bai wurde 1968 in Shanghai geboren, war Geschäftsmann und stellte mit Freunden chinesische Untertitel für Raubkopien von ausländischen Filmen her. Betrug spielt auch in seinem zweiten, bisher nur ins Englische übersetzten Roman eine gewichtige Rolle. Er handelt von einer Gruppe von Außenseitern, die im heutigen China durch Glücksspiel reich werden will.

Verschwörungen und Terrorismus

Die Verschwörung von Shanghai lässt sich als bilder- und detailversessener Abenteuer- und Spionageroman lesen, in dem jeder Geruch, jeder Straßenzug und jedes Hotelbett, auf dem Therese und Hsueh es miteinander treiben, exakt rekonstruiert wirkt – oder wirken soll. Dazu tragen die Dokumente im Anhang bei, die Xiao Bai, wie er in seinem Nachwort schreibt, aus den Resten des Stadtarchivs geklaubt haben will. Sie wirken nicht nur gut erfunden. Sie sind es auch. Xiao Bai erklärt nämlich, dass er zwar so exotische Namen wie Irxmayer oder Hsueh Weiss in den Archiven gefunden habe. Aber die Akten selbst habe er zur Steigerung der Authentizitätsanmutung erfunden. Die Aktennummer lasse sich mit einer Umschriftmethode in den Satz "It’s a joke" umwandeln. Ob das deutlicher geworden wäre, hätte der Insel Verlag den Text nicht aus dem Englischen, sondern aus dem chinesischen Original übersetzen lassen, sei dahingestellt.

Jedenfalls kommt in den historischen Spiegelfechtereien die Kommunistische Partei letztlich ganz gut weg. Ku und seine Verschwörungen entpuppen sich als individueller Terrorismus, mit dem die saubere KP niemals etwas am Hut hätte haben können; ein extra zur Aufklärung eingeschleuster Funktionär stellt das fest.

In China soll sich Die Verschwörung von Shanghai nicht gut verkauft haben. Seit jedoch der amerikanische Verlag Harper Collins 60.000 Dollar für das englische Copyright bot, gilt Xiao Bai als werthaltiger Literaturexporteur, um westlichen Lesern das wahre China begreifbar zu machen. Wie dem auch sei: Spannender und hintersinniger als die soeben in den Rang der Gedanken Mao Zedongs erhobenen Xi-Jinping-Ideen ist Die Verschwörung von Shanghai allemal.  

Xiao Bai: "Die Verschwörung von Shanghai". A. d. Engl. v. Lutz-W. Wolff; Insel Verlag, Berlin 2017; 426 S., 22,– €, als E-Book 18,99 €