Die Digitalisierung ist als globales Phänomen längst über unsere Gesellschaft, unsere Wirtschaft und unsere Politik hereingebrochen. Dabei wird kein Bereich unseres Lebens ausgespart. Diese Tatsache gilt es im Blick zu behalten, wenn wir uns mit den tief greifenden Störungen beschäftigen, die mit der Digitalisierung einhergehen und sich erst abzuzeichnen beginnen. Denn: Jedes neue Gerät und jede neue Anwendung ziehen positive wie negative Folgen nach sich. Doch nur jene Gesellschaften, die nicht vor Angst erstarren und Technologie zum Sündenbock erklären, sondern den Einfluss der Technologie mäßigen und so die entstehende Cyberzivilisation erst aufblühen lassen, werden die Neuerungen erfolgreich zu nutzen wissen.

Schon jetzt werden jeden Tag weltweit Milliarden kommerzielle Transaktionen in der sogenannten Share-Economy oder Gig-Economy abgewickelt, sei es die Taxi-Buchung über Uber oder die Arbeitsvermittlung bei Taskrabbit. Ganze Bildungssysteme werden neu ausgerichtet, um Online-Kurse wie die Lehrvideos der Khan Academy einbinden zu können. Es ist Zeit, dass sich auch die Politik an die Digitalisierung anpasst. Sie ist dabei der wichtigste Akteur, denn es sind die Regierungen, die dafür verantwortlich sind, sicherzustellen, dass alle Bürger zu ihrem größtmöglichen Nutzen an der digitalen Revolution teilhaben können.

Die FDP macht sich für ein Digitalministerium stark und möchte Start-up-Unternehmen fördern. Sie sollte sich am Singapur-Modell orientieren, das die Förderung des digitalen Unternehmertums im Blick hat. Das "digitale Deutschland" täte gut daran, das "Smart Nation"-Programm des Stadtstaats zu kopieren: Im Rahmen dieser Initiative stellte Singapur landesweit Breitbandinternet zur Verfügung und gab staatliche Daten frei, etwa um die Entwicklung von Apps zur Verkehrsplanung zu unterstützen. Was die Internetgeschwindigkeit anbelangt, liegt Deutschland aktuell eher auf einem Niveau mit Südeuropa als mit Skandinavien. Die gute Nachricht: Es gibt noch reichlich Luft nach oben und damit viele Möglichkeiten, aus besserer Internetanbindung Gewinn zu schlagen.

Digital angebunden, sind Bürger wie Unternehmen viel besser imstande, an der zunehmenden Zahl urbaner Dienstleistungen aus Bereichen wie Transport, Logistik, Marketing und Einzelhandel zu partizipieren. Maßgeschneiderte Online-Lernmodule können helfen, sich für künftige berufliche Herausforderungen zu wappnen. Wenn die SPD vor "digitalem Kapitalismus" warnt, als handele es sich dabei um eine schlechte Sache, dann übersieht sie, dass es sich gerade um die unteren 50 Prozent der Einkommenspyramide handelt, die derartige Werkzeuge am dringendsten benötigen, um ihre Einkünfte zu erhöhen. Welche besseren Optionen stellt ihnen der Staat denn aktuell zur Verfügung?

Das neue Zeitalter benötigt auch eine neue Form von Staat – einen Staat, der Demokratie und Daten gleichermaßen dafür nutzt, bessere Regierungsarbeit zu liefern. Wir reden hier nicht über die Garnisonsstaaten des Kalten Kriegs oder die libertären Marktstaaten der Ideologie aus den neunziger Jahren. Sondern über einen "Info-Staat", der gekennzeichnet ist von dynamischen Feedbackschleifen zwischen Bürgern und politischen Entscheidern, von wirtschaftlichen Strategien zur Wahrung der nationalen Wettbewerbsfähigkeit und von einer praktischen mentalen Grundhaltung, die Wohlergehen umfassender definiert als bisher.

Wahlen sind immer nur ein Stimmungsmesser und erteilen (gelegentlich) einen Auftrag; sie geben nicht vor, wie die Politik in ihrer Umsetzung letztlich aussieht. Warum sollte man die nächste Wahl abwarten, um in bezahlbaren Wohnraum zu investieren, in bessere Straßen und in mehr Kita-Plätze, wenn die Daten heute zeigen, dass all diese Dinge schon gestern benötigt wurden? Diese Daten liegen vor, und jede Regierung, die sie nicht nutzt, um die Situation ihrer Bürger zu verbessern, ist grausam und rückständig.

Auch hier gibt es Vorbilder: In Estland können die Bürger schon jetzt bei Wahlen ihre Stimme online abgeben; die Schweiz digitalisiert aktuell ihren Volksabstimmungsprozess. Im Zuge einer Offensive zur Digitalisierung öffentlicher Informationen werden Abstimmungen im US-Kongress inzwischen in Echtzeit online gestellt, Bürger können so absolut transparent verfolgen, wie ihre gewählten Vertreter sich zu sämtlichen Themen verhalten. Betrachtet man Wahlen und regelmäßige Volksabstimmungen als belebend für die Demokratie, muss man auch sie beleben. Dafür wird es essenziell sein, dass sich der Staat mit der IT-Gemeinschaft zusammentut.

Noch scheitern Demokratien zu oft daran, wenn es um das Gemeinwohl geht, deshalb benötigen wir mehr digitale Werkzeuge, um Regierungsarbeit effektiver zu machen. Die öffentliche Zufriedenheit mit den Leistungen der Regierung sinkt seit Jahrzehnten, Facebook gibt es erst seit zehn Jahren. Nutzen wir es. Zu Recht fordern Millennials mehr Gehör, schließlich gestalten wir ihre Zukunft. Ihre zentrale Methode, sich zu artikulieren, sind die sozialen Medien. Je schneller wir die Jugend dazu ermutigen, ihre Standpunkte zu äußern, und je schneller wir diese Meinungen absorbieren, desto geringer wird die Wahrscheinlichkeit populistischer Revolten. Wer auf die Digitalisierung schimpft, gefährdet die Demokratie. Nicht Technologie bedroht unser System, sondern die Verweigerungshaltung der Regierenden und ihrer Verbündeten in den Medien.

Aus dem Englischen von Matthias Schulz