Charlie Dent steht in seinem geräumigen Abgeordnetenbüro, schräg gegenüber dem Kapitol in Washington, und betrachtet die Wand mit den vielen Fotos. Auf einem ist er mit seinem Parteifreund George W. Bush zu sehen, auf einem anderen mit dem jungen Barack Obama. Es gibt ein Bild mit General David Petraeus in Afghanistan und eines mit dem Premierminister von Japan, Shinzo Abe. In der Mitte hängt die gut gelaunte Angela Merkel, wie sie Dent während eines Besuches im Kapitol die Hand schüttelt. Das ist allerdings schon ein bisschen her.

Dent ist 57 Jahre alt, seit 27 Jahren macht er Politik, seit 13 Jahren als Abgeordneter für Pennsylvania in Washington. Siebenmal hat man ihn mit großer Mehrheit gewählt. "Besser bekommt man es nicht als Politiker", sagt Dent.

Dents Blick schweift wieder über die Bilder. In ein paar Monaten wird er sie abhängen, in einem Karton verstauen und nach Hause schicken. Er wird das Büro, in dem er die letzten 13 Jahre gearbeitet hat, räumen. Zur Kongresswahl im kommenden Herbst wird Charlie Dent nicht mehr antreten.

Warum das? Dent ist ein moderater Republikaner, der äußerlich eine verblüffende Ähnlichkeit mit John F. Kennedy hat. Er ist der Anführer der Tuesday Group, die sich für Kompromisse starkmacht. Dent ist für Abtreibung, er unterstützte die Öffnung der Armee für Homo- und Transsexuelle und glaubt, dass der Mensch einen Anteil am Klimawandel hat. Vor allem jedoch glaubt Dent an den Freihandel und an die international verzahnte Welt, welche Amerika nach dem Zweiten Weltkrieg mit Hunderten von Verträgen und Institutionen aufzubauen geholfen hat. Vor genau einem Jahr hat er deshalb nicht für Donald Trump als Präsidenten gestimmt. Müsste nicht gerade einer wie Dent jetzt um die Partei kämpfen?

"Ich will auf dem Höhepunkt meiner Karriere gehen, nicht danach", antwortet Dent. Kürzlich musste er miterleben, wie sich vor seinem Wahlkreisbüro in Pennsylvania etwa 200 Trump-Republikaner versammelten und gegen ihn demonstrierten. Sie riefen "Dump Dent" und "Drain the swamp", also "Dent auf den Müll" und "Legt den Sumpf trocken". Der Abgeordnete hatte gleich nach Trumps Amtsübernahme im Januar dieses Jahres die von Trump geforderten Reiseverbote für Bürger muslimischer Länder kritisiert, und er saß in den Monaten darauf dreimal bei Trump im Weißen Haus, um ihm dreimal zu sagen, dass er nicht für das Gesetz stimmen werde, das Obamas Krankenversicherung abschaffen sollte. Dass Dent nicht loyal zu Trump stand, haben ihm viele in Pennsylvania übel genommen.

Dent ist nicht der einzige Abtrünnige, der aufhört. In den vergangenen Wochen hatten die Senatoren Jeff Flake und Bob Corker Aufsehen erregt, weil sie Trump lautstark kritisierten. Bob Corker, der mächtige Vorsitzende des Außenpolitischen Ausschusses, hatte das Weiße Haus einen Erwachsenen-Kindergarten genannt, und Jeff Flake, der Senator aus Arizona, hatte eine emotionale, 20-minütige Rede im Kongress gehalten, in der er die demokratischen Werte Amerikas beschwor, die er durch Trumps Politik bedroht sieht. "Die beiden haben damit ausgesprochen, was viele Republikaner denken, aber sonst niemand ausspricht", sagt Dent. Auch Flake und Corker hatten zuvor ihren Rückzug aus der Politik erklärt.

Donald Trump hat der Partei, so wie diese Männer sie verstehen, den Krieg erklärt. Warum kämpfen sie nicht?

Um das zu verstehen, muss man Dents Büro verlassen und ein bisschen durch Washington spazieren. Man muss zuerst am Dupont Circle vorbei zu Kramerbooks gehen, um sich Jeff Flakes Buch Conscience of a Conservative zu kaufen. Der Senator aus Arizona hat es zwei Monate vor seinem Rücktritt veröffentlicht. Es ist eine Abrechnung mit Donald Trumps Politik und die Verteidigung der, wie Flake es sieht, ur-republikanischen Prinzipien. Und hier deutet sich die erste Antwort darauf an, warum diese Männer nicht kämpfen: Flake ist unfähig zur Systemkritik. Er benutzt sein Buch vielmehr, um das System, an das er glaubt, über jede Kritik zu erheben. Der Freihandel und die Globalisierung haben den größten Wohlstand für Amerika erzeugt. Punkt. Worauf Flake in seinem Buch mit keinem Wort eingeht, ist die Frage, warum seine Wähler ihm und seiner Weltsicht nicht mehr folgen. Auf gerade mal vier Zeilen der 140 Buchseiten erwähnt Flake, dass viele Amerikaner sich in diesen Zeiten raschen ökonomischen Wandels verunsichert und abgehängt fühlen. Die Ursachen dafür sind ihm keine einzige Zeile wert.

Trumps Rhetorik spaltet Amerika in zwei Lager, in das des globalistischen Establishments und das des nationalistischen Volkes. Jeff Flake hat diese Einteilung akzeptiert, er hat als unbelehrbarer Etablierter gekämpft und verloren. Denn in diesem Kampf ist ihm Trump überlegen. Der kann Hass, Wut, Rachegelüste, die weitaus stärkeren Gefühle, mobilisieren. In Arizona wird im kommenden Jahr nun ein Trump-Republikaner antreten, gegen den Flake laut mehreren Umfragen keine Chance gehabt hätte.