Es gibt ein paar Orte in Hamburg, wo man sehen kann, welche Spielregeln gelten im konservativen Bürgertum. Der Übersee-Club ist eine dieser Adressen, der Anglo German Club, das Hotel Vier Jahreszeiten. Und natürlich das Hotel Louis C. Jacob.

Im Hotel Jacob lässt sich jetzt auch erkennen, dass die Idee der liberalen modernen Lässigkeit unter Umständen eine Mogelpackung darstellt, jedenfalls in den besseren traditionsreichen Kreisen. Dass soziale Abgrenzung immer noch immens wichtig ist für das Selbstverständnis. Und dass es oft die kleinen Fehler im Erscheinungsbild sind, mit denen sich jemand angreifbar macht.

Zwanzig Jahre lang wurde das Jacob von Jost Deitmar, 54, geleitet, einem zwei Meter großen Gentleman, der seine Kollegen sowohl stilistisch (elegant, seriös) als auch kräftemäßig überragte (14 Stunden Arbeit täglich, sechs Tage die Woche). Als man ihn nach zwanzig Jahren rauswarf, waren die Mitarbeiter geschockt. "Es traf uns wie ein Schlag", sagte einer. "Er war wie ein Familienvater."

Bei der Deutschen See-Reederei, der das Hotel gehört, war man auch geschockt – von dem mäßigen Umsatz, den Deitmar angeblich eingespielt hatte. "Im Zuge unserer Neuausrichtung brauchen wir keinen Direktor, der das Haus repräsentiert", erklärte Horst Rahe, der Chef der Holding, "sondern einen, der es wirtschaftlich effizient führt."

Die Effizienz erschien in Gestalt von Frank Wesselhöft, 48 Jahre alt. Geboren in Bangkok, mehrsprachig dank englischem Kindergarten und thailändischer Nanny. Hatte Ferienresorts geleitet auf den Malediven und Seychellen, nicht gerade das Baur au Lac oder den Bayerischen Hof, aber Geld verdienen, das würde der Mann schon können. Nach nur sechs Monaten muss er jetzt wieder gehen, obwohl er, wie die Hoteleigentümer bestätigen, die Zimmerauslastung extrem verbesserte und im Mai den höchsten Umsatz in der Geschichte des Hauses verbuchte.

Es sei ihm nicht gelungen, die 140 Mitarbeiter "hinter sich zu bringen", außerdem sei er durch unkonventionelle Kleidung aufgefallen. Keine Krawatte, Hemd weit geöffnet, und dann habe man ihn mit leuchtend blauen Socken gesehen, heißt es aus dem Umfeld des Managers (Namen dürfen nicht genannt werden). Sogar von Strümpfen in Orange ist die Rede. Die Gäste hätten sich beschwert.

War es bei Jost Deitmar ein Zuviel an Repräsentation und Selbstdarstellung – "Ein Direktor muss Diener des Hotels sein, nicht umgekehrt", hatte Rahe seinem Ex-Mitarbeiter noch nachgerufen, was dieser als "unhanseatisch und rufschädigend" empfand –, galt Wesselhöft als zu lax, jedenfalls was den Look angeht. Und der Look kann im Zweifelsfall entscheiden.

In England, dem Sehnsuchtsland des Hamburger Bürgertums, weiß man das sehr genau. Eine Studie der britischen Regierung legt offen, wie Londoner Banken Bewerber aussieben. Niemand habe auch nur den Hauch einer Chance, wenn er gegen den "undurchsichtigen Kleidungs- und Verhaltenskodex der Branche verstoße", so das Papier. Braune Schuhe gelten als inakzeptabel, bunte Socken sowieso. "Man sagte mir: 'Sehen Sie nur einmal Ihre Krawatte an. Die ist zu aufdringlich. Sie können zu diesem Anzug unmöglich so eine Krawatte tragen'", wird ein junger Mann zitiert, der trotz bester Referenzen abgewiesen wurde.