Im Frühjahr 1938, nur wenige Wochen nach dem "Anschluss" Österreichs an Nazi-Deutschland, war die Lage der Wiener Gewerkschafterin und Sozialwissenschaftlerin Käthe Leichter verzweifelt. Ihr Mann, der Journalist und Autor Otto Leichter, war bereits nach Brüssel geflohen, und sie war allein zurückgeblieben. Die Mitstreiter der prominenten Sozialistin setzten alle Hebel in Bewegung, versteckten sie, organisierten einen gefälschten Ausweis und ein Zugbillett in die Tschechoslowakei. Am Tag vor ihrer Abreise fühlte sie sich trotzdem wie eine "Maus in der Falle". Am Abend besuchte sie Johann Pav, einen Organisationsleiter der Revolutionären Sozialisten und alten Freund der Leichters. Ihm vertraute sie an, dass sie die letzten Wertgegenstände unter einem Baum im Garten ihres Hauses in Mauer vergraben hatte. Am nächsten Tag wurde Leichter verhaftet, und die Gestapo-Beamten machten sich unverzüglich daran, das Versteck auszuheben. Ihr eigener Genosse hatte Käthe Leichter ans Messer geliefert.

Der ehemalige Sportredakteur Pav war kein Mitläufer, kein Spitzel, der erst mühsam in die Organisation der Widerstandskämpfer eindringen musste – er war ein alter Kampfgefährte und dadurch eine besonders wertvolle Quelle der NS-Agenten. Die Gestapo-Leitstelle Wien verfügte nach einer Schätzung über 400 bis 600 V-Leute. In einer neuen Studie hat der Historiker Hans Schafranek das System dieses tödlichen Netzwerkes untersucht. Es handelte sich dabei um Zuträger, die regelmäßig und gegen Entlohnung Berichte über Einzelpersonen und ganze Gruppen ablieferten. Manche dieser Spitzel drängten sich sogar dem NS-Regime als Verräter auf: Geltungsdrang und die Aussicht auf Entlohnung spielten hier ebenso eine Rolle wie die spätere Verschonung vom Dienst an der Front. Andere wurden aufgrund vergangener Straffälligkeit oder tatsächlichem politischem Aktivismus unter mehr oder weniger starken Druck gesetzt. Gerade jene, die eben erst aus einem KZ oder aus Justizhaft entlassen worden waren, sahen sich als Spielball der Gestapo – da sie eine neuerliche Festnahme befürchten mussten. Der spätere Gestapo-Chef Heinrich Müller betonte bereits 1937, dass bei der Festnahme jedes Kommunisten zu prüfen sei, ob sich der Betreffende als V-Mann eigne.

Die Entlohnung für die Spitzeldienste schwankte stark – während manche innerhalb kurzer Zeit ganze Jahresverdienste einsteckten, wurden andere mit kleineren Summen abgespeist. Die Position der V-Männer dürfte auch entsprechend ihrem Nutzen und ihrer Einschätzung durch die Gestapo-Beamten variiert haben. Häufig konkurrierten die unterschiedlichen Abteilungen mit dem Einsatz ihrer V-Leute. Und vielfach wurden mehrere Spitzel, die nichts voneinander wussten, in ein und dieselbe Gruppe eingeschleust.

Vielfach umfasste die Aktivität der gedungenen Verräter wesentlich mehr als den klassischen Verrat durch Berichterstattung. Oft traten die V-Leute auch als agents provocateurs auf oder organisierten sogar ganze Widerstandsgruppen. Auf diesem Wege wurden die Spitzel häufig zu Schöpfern ebenjener Ereignisse, über die sie später der Gestapo berichten konnten.

Eine derartige, weit über normale Bespitzelung hinausgehende Rolle nahm der V-Mann Kurt Koppel alias Ossi ein. Koppel war bereits seit seiner Jugend in der KPÖ aktiv. Mitte der dreißiger Jahre verlor er aufgrund finanzieller Unregelmäßigkeiten seine Positionen und wurde quasi zur Rehabilitierung als antifaschistischer Kämpfer nach Spanien geschickt. Nach seiner Rückkehr begann wohl 1939 seine Spitzeltätigkeit, in deren Rahmen er sich an der Reorganisation und dem Wiederaufbau der kommunistischen Untergrundstrukturen beteiligte. Als Kurier verfügte er über zahlreiche Parteiberichte, die er direkt bei seinen nationalsozialistischen Auftraggebern deponierte. Koppels effiziente Spitzelarbeit führte zur Verhaftung von weit über 800 Personen aus dem kommunistischen Widerstand.

Auch ein weiterer kommunistischer Aktivist, Josef Koutny, nutzte seine Schlüsselposition zur Spitzeltätigkeit. Die Parteileitung der illegalen KP beauftragte ihn, eine Eisenbahnerorganisation im Untergrund aufzubauen. Koutny war maßgeblich an der Bildung eines Zentralkomitees der KPÖ beteiligt, in dem er ab 1942 als Organisationsleiter fungierte. Stolz konnte die Gestapo schließlich an das Reichsministerium für Justiz nach Berlin berichten, dass sie über die Daten von 1500 Personen verfüge, die im dringenden Verdacht kommunistischer Betätigung stünden, allerdings aufgrund der begrenzten Anzahl an Haftzellen nicht zügig verhaftet werden könnten.

Ähnlich tragisch erging es zahlreichen legitimistischen und katholischen Widerstandsgruppen, die wie jene vom linken Spektrum innerhalb kurzer Zeit bis in ihre Führungsstrukturen hinein von V-Leuten durchsetzt waren – vielfach da sie zu vertrauensselig und in der illegalen Arbeit unerfahren waren. Besonders stark wirkte sich die Unerfahrenheit bei ländlichen Widerstandszirkeln aus. Walter Ehart, der als V-Mann im Bezirk Tulln aktiv war, warb im Rahmen seiner vorgetäuschten subversiven Arbeit gegen das Regime unter der lokalen Bevölkerung für die Unterstützung alliierter Fallschirmspringer, die er meist erfunden hatte, und die Befreiung eines nahen Häftlingslagers. Er stellte selbst Flugblätter her, die er von der Bevölkerung verteilen ließ, und lieferte seine mühsam gewonnenen Unterstützer anschließend der Gestapo aus.

Nur ein sehr geringer Anteil der Gestapo-Spitzel wurde nach 1945 ausgeforscht und angeklagt. Jene, die sich verantworten mussten, verwiesen immer wieder auf den psychischen und physischen Druck, der vonseiten der Gestapo auf sie ausgeübt worden sei. Dem widerspricht aber als Beispiel die Biografie von Ferdinand Ernst, der nach der Zerschlagung seiner Widerstandsgruppe in Wien-Meidling von der Gestapo zu Spitzeldiensten gepresst wurde, jedoch nur irrelevante Informationen weitergab und sich schließlich als Freiwilliger zur Wehrmacht meldete. Eine offene Verweigerung hätte für ihn wohl die Verschleppung ins KZ bedeutet.

Johann Pav, der Mann, der Käthe Leichter verraten hatte, wurde im Juli 1945 als Gestapospitzel verhaftet und angeklagt. Er rechtfertigte sich, dass seine Spitzeltätigkeit lediglich eine Serie punktueller Verfehlungen gewesen sei. Ob Pav selbst an diese Darstellung glaubte, ist nicht mehr feststellbar. Er wurde zu einer 15-jährigen Kerkerhaft verurteilt, aber schon sechs Jahre später vorzeitig entlassen. Zu diesem Zeitpunkt war Käthe Leichter bereits seit über 10 Jahren tot. Sie wurde nach dem Verrat in das KZ Ravensbrück verschleppt und im Frühjahr 1942 in der Gaskammer der Tötungsanstalt Bernburg ermordet.

Hans Schafranek: "Widerstand und Verrat – Gestapospitzel im antifaschistischen Untergrund", Czernin Verlag, Wien 2017; 504 Seiten, € 29,90