Mittwochabend, halb elf im Golem-Club auf St. Pauli. Drei Schlagzeuger, zwei Saxofonisten, ein Kontrabassist und ein Gitarrist spielen zu Texten von Charles Bukowski. Zwei Schauspieler rezitieren dazu. Eine Künstlerin fehlt: Anna-Lena Schnabel. Die Saxofonistin und Absolventin der Hamburger Hochschule für Musik ist krank. Krank geworden bei all der Aufregung, die seit einer Woche um sie herrscht. Seit sie im Mittelpunkt einer Debatte steht, wie sie der Jazz in Deutschland noch nicht erlebt hat.

Ausgelöst wurde die Kontroverse durch die 45-minütige Dokumentation Der Preis der Anna-Lena Schnabel, ausgestrahlt auf 3sat. Der Film zeigt die Tochter einer alleinerziehenden Friseurin als nerdiges Talent, das man wegen seiner künstlerischen Kompromisslosigkeit sofort sympathisch findet.

Beschrieben wird auch der Weg der Saxofonistin zum Echo Jazz – eine vom Bundesverband der Musikindustrie (BVMI) ausgerichtete und vom NDR in einer Hamburger Werfthalle aufgezeichnete TV-Gala, die weit entfernt ist von der ärmlichen Nischenökonomie der Jazzszene.

Anna-Lena Schnabel macht den Veranstaltern des Echo Jazz im Film einen Vorwurf: Sie habe auf der Preisverleihung keine Eigenkomposition präsentieren dürfen. Man habe sie dazu gedrängt, eine Coverversion von Horace Silvers Peace zu spielen, weil die publikumsfreundlicher sei.

Eine Kleinigkeit? Von wegen. Nicht ohne Grund hat die Diskussion um Anna-Lena Schnabel eine Brisanz erreicht, die erstaunlich ist für eine Musik, die kaum jemand hört. Sie sagt viel aus über die Denkweisen beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk und macht einen Preis, der eigentlich ein Grund zum Feiern sein sollte, zu einem traurigen Ereignis.

Beginnen wir mit dem NDR: Da beschwert sich der Unterhaltungschef Thomas Schreiber darüber, dass nun alle Vorurteile gegen die "quotengeilen Säcke" bestätigt würden. "So ist der Mechanismus von Aufregung in asozialen Netzwerken." Und der Sender argumentiert: Keinesfalls habe ein NDR-Redakteur der Musikerin "verboten", ein eigenes Stück zu spielen. Stattdessen habe man Schnabel gefragt, ob es zu dem Stück, das sie vorgeschlagen hatte, auch "Alternativen" gebe. Sie habe schließlich in einer Mail geschrieben: "Peace machen wir gerne". Und dass sie sich auf den Auftritt freue.