Kermit der Frosch und Miss Piggy stürmen mit aufblasbaren Gummigewehren die Bühne, Donald Trump tritt ans Mikrofon, um seine ersten Worte als Präsident zu sprechen: "Mahna Mahna". In Am Königsweg, das am vergangenen Wochenende am Hamburger Schauspielhaus Uraufführung feierte, ist diese Verhöhnung der Inaugurationsfeier reine Notwehr: Denn wie kann Trump, also jemand, den man, um ihn zu entlarven, lediglich wortgetreu zitieren muss, noch anders künstlerisch überspitzt werden als durch einen comichaften Pulp wie im Stechapfel-Rausch?

Noch in der US-amerikanischen Wahlnacht hat Elfriede Jelinek damit begonnen, die gesellschaftliche Tragödie – der Frauenfeind und Rassist Trump als nun mächtigster Mann der Welt – in eine des Theaters zu übersetzen. Sein Name fällt im Stück kein einziges Mal; ist Trump doch bloß Symptom und das behandelte Problem größer, so heißt es. Auch ist er in Am Königsweg nicht Präsident, sondern gar König, als Verkörperung autokratischer Sehnsüchte, die unter der bröckelnden demokratischen Firnis des Westens hervorlugen. Benny Claessens spielt ihn als cholerischen, narzisstischen, nachäffenden Windbeutel voll unverstandenem Gewaltdrang, also: als Kind.

Er wütet in seinem Zimmerchen im Palast, zerstört Bücher und schlägt auf eine aufblasbare Weltkugel ein, wenn er nicht gerade mit ihr spielt wie Charlie Chaplin in Der große Diktator – nur eine der ungezählten Anspielungen auf Populärkultur und Philosophie, die Jelinek dem Stück zugrunde legt. Der König selber ist blind, und auch die anderen Darsteller sind es, sie stechen sich die Augen aus, beträufeln Augenbinden mit Kunstblut: "Der König hat alle Blindheit aufgekauft, weil er deren Vorteile gesehen hat."

Die große Frage, die von Beginn an über der Aufführung kreist wie der überdimensionierte Kronleuchter im Bühnenbild: Kann ein Theaterstück über Donald Trump, nein: ein kritisches Theaterstück über Donald Trump, zu mehr führen als bloßem Gesinnungsapplaus des zuschauenden Bürgertums? Die arts, die Künste, seien doch schließlich sowieso das Feld der Liberalen, so insinuierte Meryl Streep es zynisch bei der diesjährigen Oscar-Verleihung – während sich die kulturelle Unterschicht lieber um die blut- und schweißverklebten Käfigkämpfer der Mixed Martial Arts schare. "Wo ist denn hier die Arbeiterklasse?", fragt der Theater-Trump dementsprechend spöttisch das Schauspielhaus-Publikum.

Regisseur Falk Richter zerhackt für Am Königsweg Jelineks 92-seitiges Skript, wie bei ihr üblich ein grelles Assoziationsstroboskop ohne erkennbare Personen und Regieanweisungen; von Sophokles gräbt sie sich durch bis zur alttestamentarischen Opfererzählung Abrahams, um schließlich bei David Graebers Bestseller Schulden zu landen.

Und bei den Hunderttausenden US-Amerikanern, die seit der Finanzkrise ihre Zukunft verpfändet sehen: "Kein Haus mehr, kein Schutz mehr, keine Wahrheit." Richter lässt seine Darsteller beim chorischen Sprechen solcher Sätze abrupt ins Monologisieren springen, noch im selben Satz wechseln sie ihre Rollen, ohne dass man überhaupt gewusst hätte, wer sie vorher waren. Dazu blutverschmierte Männer im Negligé samt Plastikbrüsten und dröhnendem Industrial-Techno, zu dem Frank Willens im Coming of Rage durch den Raum epilepsiert. Klassisches Gegenwartstheater, man hat das alles schon irgendwie mal gesehen, und genau deshalb funktioniert das Stück.

Richter liefert den Zuschauer mit seinem dramaturgischen anything goes der Hilflosigkeit einer vollkommen überdrehten neoliberalen Postmoderne aus, in der sowieso alles bums ist und Mode, Gesinnung, Zugehörigkeit nur noch in Form des Zitats existieren. Eine Petrischale für wahnhafte Zeiten, in denen die Wahrheit genauso schwankt wie der Aktienkurs und Trump ausgerechnet als korrupter Multimilliardär aufräumen soll mit der Wall Street; wie Ödipus in Theben an die Macht gekommen, um die Pest zu bekämpfen, die er doch selber verantwortet.

"Was wir in Wirklichkeit wollen, ist, dass das alte Gute jetzt das Neue ist, damit wir es erkennen", wird gesungen, ein junger Neo-Nazi (Matti Krause) stimmt ein in den Chor verständnisvoller Intellektueller, die seinen Hass als Unsicherheit eines Abgehängten rationalisieren, bis er, brüllend auf dem umgeworfenen Goldsessel des Königs stehend, das Sprechtempo an sich reißt und die mit Clownsnase bestückte Ku-Klux-Klan-Kapuze aufsetzt. Trump, im Stück mit Micky- Maus-Handschuh und Pappkrone, als ödipaler Übervater, als Souverän, an dem man sich abarbeiten kann, um es nicht mit den eigenen Neurosen tun zu müssen.

Ilse Ritter betritt immer dann die Bühne, wenn das Geschehen zu laut, zu erratisch wird und ins Cirque-du-Soleil-Hafte kippt; als Alter Ego Jelineks monologisiert sie über ihre Sterblichkeit und darüber, dass die Intellektuellen das letzte Stück Macht verloren haben: die Sprache ("Wir sind mit Reden noch nicht fertig, doch man hat uns das Wort im Mund abgeschnitten"). Das Postfaktische braucht keine Wörter mehr. Penisse flimmern über die Leinwand, Chat-Verläufe, Instagram-Fotos, koksende Frauen. Kein episches Theater wird hier mehr dargeboten, keine Balkonrede. Denn wenn man sich auf das, was ist, keinen Reim mehr machen kann, wie könnte man es da ändern?

Die um sich schlagenden Kritiker des Königs sind genauso blind wie er selber, und das einzige Wissen, das sie haben, ist das über ihre eigene Hybris, aus der Hilflosigkeit spricht. Das Stück endet nach kurzweiligen, quälenden, bedrückenden dreieinhalb Stunden. Der Vorhang fällt, die Darsteller gehen. "Was tun?" hingegen, die im Stück aufgerufene Gretchenfrage Lenins, sie bleibt, sowohl unbeantwortet als auch mit Dringlichkeit versehen.

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