Alles sperrt sich dagegen, diesen Roman zu lesen. Wieder ein ermordetes Kind, ein zauberhaftes natürlich, musikalisch, fröhlich, echtes Fußballtalent. Man darf Eltern dabei beobachten, wie sie in ihrem Leid aus der Welt fallen. Ein Lieblingsmotiv deutscher Samstagabendkrimis, nun auch bei Suhrkamp. Es kann einem vorkommen, als bearbeite das Land obsessiv seine Geburtenrate und sein demografisches Altern durch den fortgesetzten Kindermord in den Künsten, aber in schwedischen Krimis ist es kaum anders: Das Kind ist der Kick.

Friedrich Ani, der vielfach prämierte Dichter der schwärzesten Einsamkeiten, der zuletzt für Der namenlose Tag, die Geschichte eines unaufgeklärten Mords an einer 17-Jährigen, den Deutschen Krimi Preis erhielt, hat nun den zweiten Roman über Kommissar Franck vorgelegt, Ermordung des Glücks: Ein blonder Elfjähriger kommt an einem Münchner Herbstregentag vom Kicken nicht nach Hause, das Fahrrad ist geklaut, der Ball davongerollt, vom blauen Ranzen keine Spur. 34 Tage vergehen, bis die Leiche des Jungen gefunden wird, in einem Wald, und bis die Eltern Gewissheit haben, wie man sagt. Kriminalkommissar Jacob Franck ist pensioniert, er hat freiwillig die Aufgabe übernommen, den Angehörigen von Gewaltopfern die Todesnachricht zu überbringen. Und so betritt er das Café des Ehepaars Grabbe: "habe Ihnen eine schlimme Nachricht zu überbringen ..."

Was von alldem will man wissen? Nichts. Denn man wünscht nicht, in dieses Unerträgliche komplizenhaft hineingezogen zu werden, beginnt unwillkürlich, Seiten zu überblättern. Doch Friedrich Anis erzählerische Menschenkennerkunst lässt das nicht zu, man blättert zurück, beginnt von vorn: Jeder Satz will gelesen sein.

Eine scheinbar lebendige Welt wird schlagartig zum Totenhaus, Essen bleibt unangetastet, alles verstummt, die Mutter versteckt sich fortan im Kinderzimmer, unter der Decke des Jungen, putzt nachts manisch das Café, der Vater des Kinds ist wie verstoßen, darf seiner Frau nicht mehr nahe kommen, nur ihren Bruder erträgt sie, und der rückt überhaupt allzu nah. In der Tiefe dieser Biografien herrscht furchtbare Merkwürdigkeit.

Wer es vermag, den erbitterten Widerstand der Lesenden umzuwandeln in den lebhaften Wunsch zu verstehen, der ist ein Meister seines Genres, des Krimis als Kunstform. Anis stilistisches Mittel, die Aufmerksamkeit zu weiten und das Verstehen zu öffnen, ist in diesem Roman der Monolog seiner Figuren. Fast jede von ihnen tritt einmal aus dem Handlungsfluss heraus und wendet sich dem Lesenden direkt zu, um in eigener Sprache, mit eigenem Recht aus der Geschichte des eigenen Lebens zu erzählen: Hinterbliebene, Verdächtige, Kollegen, Anwohner, auch der Kommissar selbst, der in den Schrecken seiner Kindheit zurückkehrt. Die Menschen in der Ermordung des Glücks leben alle seit Langem in ihren Verlorenheiten. Unmöglich, ihnen nicht zuzuhören.

Friedrich Ani: Ermordung des Glücks.
Verlag Suhrkamp, Berlin 2017; 317 S., 20,– €, als E-Book 16,99 €