"Und was kommt nach den großen Reformationsfeierlichkeiten?", fragt der Journalist mit mokantem Unterton. "Ausschlafen", rutscht es mir fast über die Zunge. Aber nur fast. Schnell rattere ich eine To-do-Liste zur Zukunft meiner Kirche herunter. "Falsche Antwort, du Feigling", zischt meine innere Stimme. Schlaf hat einen schlechten Ruf. Wachsein ist gefragt, alert und ideenreich sollen Kirchenleitungen sein und alle anderen Christenmenschen sowieso. Es gibt so viel zu tun, zu verbessern, zu verändern. Erschöpfung ist eine Krankheit, eine ziemlich verbreitete, zugegeben, aber doch das Eingeständnis einer Kapitulation. Wer etwas auf sich hält, hat Augenränder und "wahnsinnig viel zu tun". Es gab mal eine Zeit, da gehörte der Mittagsschlaf zum Pfarrhaus wie die Losung und das Abendgebet. Vermutlich entstand in diesem Schäferstündchen so manch ein kluger Predigteinstieg, ganz beiläufig, irgendwo zwischen weltferner Schwere des Körpers und freitagsschweren Träumen.

Heute ist aus dem Nickerchen das Powernapping geworden, eine Pause als Medikament zur Leistungssteigerung, von Resilienzforschern empfohlen. Nur Kindern und Alten ist Mittagsschläfrigkeit erlaubt. Die anderen nehmen einen Espresso. Christlich ist das nicht. In der Bibel wird ziemlich viel geschlafen. Manche Figuren verpennen Wesentliches, eine fällt deshalb während der Predigt sogar aus dem Fenster. Doch selbst mit denen, deren Schlafbedürfnis Leser wütend macht, wie den schlafenden Freunden Jesu in dessen schlimmsten Stunden, geht die Bibel milde um. Schlafen wollen ist menschlich. Menschen schlafen, weil sie müde oder ratlos oder traurig oder restlos zufrieden sind. Gottes Kinder schlafen in Zelten, auf Steinen unter freiem Himmel und im Wüstensand. Sie übergeben sich der Absichtslosigkeit, überlassen sich der unsicheren Welt der Nacht und geben sich so voll und ganz in Gottes Hände.

Im Grunde gibt es keine schönere Vergewisserung von Martin Luthers Wiederentdeckung der Rechtfertigung allein aus Glauben als ein Bad im tiefen Weltvergessen. Schlafen können heißt loslassen können. Die fahrigen Gedanken und was noch alles zu tun wäre, sogar die höchsten Ziele. Voll und ganz in den Schwebestand des Lassens umschalten – wer je in den Minuten zwischen Schlaf und Traum diese kindliche Geborgenheit gefühlt hat, dem ist ein Anliegen der Reformation in die Glieder gefahren. "Den Seinen gibt es der Herr im Schlaf", heißt es in einem Psalm. Also, ihr Journalisten, ich werde ab Mittwoch so viel Zeit wie irgend möglich im Bett verbringen. Laptop und Telefon, Bibel und Bücher haben natürlich auch noch Platz.