Das "Black Star" muss einst ein stolzer Club gewesen sein, vielleicht sogar der beste Gabús, einer Stadt im Südwesten Guinea-Bissaus. Bis die Bierbuden vermoosten und der Kicker verwaiste, das Bruce-Lee-Poster vergilbte und die Löcher in der Decke so groß wurden, dass sie nun in der Regenzeit mehrere Töpfe auf den Boden stellen müssen, um das Wasser aufzufangen.

Zwischen den Töpfen, in die es jetzt plätschert, steht Miguel de Barros, 37, und ruft gegen den trommelnden Regen an – und gegen all das, was seinen Staat zu einem der ärmsten der Welt gemacht hat. Hundert junge Menschen hören ihm gebannt zu. Denn dass einer so wütend, leidenschaftlich und klug zu ihnen spricht, ist keine Selbstverständlichkeit in einem Land, das es vor allem durch einen Umstand zu internationalem Ruhm gebracht hat: den Verdacht, ein Narco-Staat zu sein, ein Drehkreuz im internationalen Kokainhandel von Südamerika nach Europa.

"Warum spricht man immer nur von Jugendkriminalität, wenn die größten Verbrecher an der Regierung sitzen?", fragt de Barros in die Menge. "Der Jugendliche darf kein Opfer seiner Regierung sein. Er darf nicht akzeptieren, was die Alten, was die Regierung ihm gibt!"

In Europa wird derzeit viel von Afrikanern gesprochen, die aus ihren Heimatländern in den Norden ziehen. Doch es gibt auch einige, die zurückkehren, um ihre Heimat wieder aufzubauen. De Barros hat Soziologie in Guinea-Bissau, Portugal und Brasilien studiert, seine intellektuelle Brillanz hätte ihm überall ein Auskommen beschert. Das aber stand für ihn nie zur Debatte. Im Ausland habe er nur seinen Horizont erweitern wollen. Er kam zurück und ist heute Direktor der Umweltorganisation Tiniguena, einer der ältesten Nichtregierungsorganisationen des Landes. Ständig ist er unterwegs, hier ein Treffen mit Bauern, dort eines mit Behindertengruppen, dann wieder eine internationale Konferenz. Nebenbei schreibt er über Geschichte, Zivilgesellschaft, Emanzipation, zur Soziologie des Fußballs, des Hip-Hop oder zum Frauenkörper in der Literatur. Er denkt schnell, redet schnell, handelt schnell. Sein Ziel ist es, Guinea-Bissau zu verwandeln.

Deshalb steht er an diesem Samstag in Gabú und spricht zu den Jugendlichen, auf deren T-Shirts "Treffen für die Gemeindeentwicklung – Mobilisation für den Wandel" steht. Deshalb wettert er gegen eine Tradition, in der die Alten das Sagen und die Jugendlichen sich zu unterwerfen haben.

Die Jungen bilden zwar die Mehrheit – knapp 60 Prozent der schätzungsweise 1,76 Millionen Einwohner sind unter 25 Jahre – gleichzeitig aber wurden sie von einer Kultur des ’ghuni-n’ghuni geprägt, was so viel wie "murmeln" oder "heimlich schimpfen" bedeutet. Wer murmelt, wird aber kaum gehört werden und kann auch nichts verändern.

Doch de Barros will so ziemlich alles revolutionieren. Die miserable Ausbildung. Das ausgehöhlte Rechtswesen. Das Militär, das mit erschreckender Regelmäßigkeit putscht. Die politische Elite, die die Jugend allemal zu Wahlkampfzwecken missbraucht. Die Wirtschaft. "Unser Land gleicht einem Parasiten", ruft de Barros in die Menge. Wir produzieren nichts, wir transformieren nichts, wir brauchen eine Wirtschaft, die Wertschöpfung schafft." Er predigt einen grünen Patriotismus, den ökologischen Fortschritt. Nur: Wie, bitte, soll das gehen in einem Staat, in dem so viel schiefgelaufen ist?