"Bei Autos setzt bei mir alles aus" – Seite 1

Ob der Mann noch eine Stimme hat?, fragt man sich, bevor man ihn im Restaurant Henriks in Rotherbaum trifft. Seit 24 Jahren steht Hans Peter Geerdes als H.P. Baxxter auf der Bühne. Und brüllt: "›Hyper Hyper‹"!, "›How much is the fish?‹". Diese Zeilen machten ihn und seine Band Scooter berühmt. Überraschung: er klingt ruhig und angenehm. Ein höflicher, zurückhaltender Mann .

DIE ZEIT: H. P. Baxxter, gibt es noch genug Leute, die Scooter schrecklich finden?

H. P. Baxxter: Wir haben inzwischen Kultstatus.

ZEIT: Einer Ihrer Bandkollegen sagte mal: "Solange man uns scheiße findet, sind wir im Geschäft".

Baxxter: Wir haben immer polarisiert. Die massive Ablehnung war mit ein Grund, warum wir so erfolgreich waren. Nach so vielen Jahren bin ich ganz froh, dass wir nicht mehr auf eine Wand von Ablehnung stoßen. Es ist angenehmer, Kult zu sein.

ZEIT: Schadet der Kultstatus dem Geschäft?

Baxxter: Die Gefahr besteht sicherlich. Ich könnte aber nicht genau sagen, warum wir nicht mehr jede Single in die Charts kriegen. Die Strukturen haben sich verändert. In meiner Jugend kam eine Platte raus, man ging in den Laden und kaufte sie. Ich fand das toll, es hatte eine Wertigkeit. So denkt heute keiner mehr. Heute sucht man auf dem Handy einen Song, zack, zack, hört das Lied. Ich mache das auch. Wer rennt da noch in einen Laden und kauft eine Maxi-CD? Aber wenn man 25 Jahre präsent ist, ist es vielleicht ein Wunder, dass man überhaupt noch etwas zu melden hat.

ZEIT: Keine deutsche Band hatte so viele Top-Ten-Hits. Kritiker bezeichneten Scooter als "Techno-Deppen", die Musik als "High-Energy-Entertainment für Neubrandenburger GTI-Fahrer".

Baxxter: (lacht laut) Das war schon heftig. Die breite Masse, die nichts mit Techno anfangen konnte, hat uns gehasst. Irgendwann habe ich mich gefragt: Mensch, wir haben eine Goldene Schallplatte nach der anderen – wer kauft die Sachen, wenn das alle doof finden? Es gab doch eine Menge Fans, das merke ich heute. Ich werde so oft angesprochen: "Held meiner Jugend!" – "Wir sind mit dir und deiner Musik aufgewachsen."

ZEIT: Wie sind Sie mit dieser Abwertung umgegangen?

Baxxter: Man braucht ein dickes Fell. Das ging bis zur persönlichen Beleidigung. Für uns hatte es den Effekt, dass wir sagten: Jetzt erst recht. Das Schönste ist, wenn du solche Kritiken kriegst und die nächste Single in die Top Five einsteigt. Bam! Eine Single nach der anderen rausfeuern, bis den andern irgendwann die Argumente fehlen. Das war unsere Waffe.

ZEIT: Mit Ihrer ersten Band Celebrate the Nun haben Sie acht Jahre erfolglos versucht, berühmt zu werden. Warum haben Sie nicht aufgegeben?

Baxxter: Mangel an Alternativen. Ich hatte eine große Leidenschaft für Musik, ich wollte nichts anderes machen. Zur Absicherung habe ich zwar eine Ausbildung zum Großhandelskaufmann gemacht und auch mal ein Studium angefangen. Aber unterm Strich wusste ich, dass das alles nur vorübergehende Geschichten waren, um meine Eltern ruhigzustellen.

" Die Leute sind total ausgerastet"

ZEIT: Sie waren pleite in der Zeit.

Baxxter: Immer. Das war richtig brotlose Kunst. Wenn ich gefragt wurde: "Was machst du so?", dann kam bei der Antwort "Musik" ein mitleidiger Blick und die Frage, ob man davon leben könne. Ich habe versucht, mich rauszureden: "Ja, eigentlich schon, hier und da."

ZEIT: Stimmte aber nicht.

Baxxter: Viel mehr als Toastbrot und billige Salami jeden Abend gab es in der Zeit nicht.

ZEIT: Den Durchbruch haben Sie dem Partyveranstalter Michael Ammer zu verdanken.

Baxxter: Der Techno hatte mich zu dem Zeitpunkt schon infiziert. Wir hatten eine Single gemacht, unter dem Projektnamen Scooter. Das lief gut im Club. Michael Ammer wollte, dass wir live auftreten, bei einer Szene-Party im Palladium, einem großen Club in Wandsbek. Unsere einzige Single war aber instrumental. Als wir beim Soundcheck waren, habe ich gesagt: "Eigentlich ist es stinklangweilig, wenn wir hier mit drei Keyboards stehen und keiner sagt was. Gebt mir einfach ein Mikro, ich mache ein bisschen Freestyle."

ZEIT: Das klingt dilettantisch.

Baxxter: War es auch. Bei einer Nummer hab ich die ganze Zeit nur "hyper, hyper" gerufen. Die Leute sind total ausgerastet. Da war ich mir sicher, das wird ein riesiger Hit.

ZEIT: Wurde es auch. Wie hatten Sie sich den Erfolg im Einzelnen vorgestellt?

Baxxter: Ich kannte das aus den Siebzigern. Man macht Musik, zieht sich verrückt an, hat ein spezielles Styling. Das Klischee vom Rockstar war mein Ideal: viel Geld verdienen, große Autos fahren, Frauen, Party, alles, was dazugehört.

ZEIT: Und, war es so?

Baxxter: Ja. (lacht) Es hat lang gedauert, aber es war wirklich so. Wir haben mit Scooter wie eine Rock-’n’-Roll-Band gelebt.

"Komplexe Songs waren nie meine Stärke"

ZEIT: Wofür gaben Sie Ihr erstes Geld aus?

Baxxter: Ich habe mir einen alten Jaguar gekauft und die erste Eigentumswohnung. Das ging von null auf hundert. Bei Autos setzt bei mir alles aus. Das ist meine größte Leidenschaft nach der Musik. Ich habe vier Oldtimer, zwei alte Jaguar, einen Rolls Royce, einen lindgrünen Bentley.

ZEIT: Würden Sie sagen, Sie sind auf dem Boden geblieben?

Baxxter: Es war ein Glücksfall, dass wir so lange ohne Erfolg geschuftet hatten. Der Erfolg kam uns nicht selbstverständlich vor. Nach Hyper Hyper hatten wir Panik: O Gott, wenn das jetzt nur ein One-Hit-Ding ist! Wir haben uns im Studio verkrochen, nächtelang gearbeitet oder auf der Bühne gestanden.

ZEIT: Dabei klingen Scooter-Songs immer ähnlich.

Baxxter: Wir haben uns gewandelt, aber es stimmt, unsere Songs hatten öfter eine ähnliche Struktur. Anfangs waren sie sehr schnell, 160, 180 Beats pro Minute. Da sah unsere Performance aus, als hätten wir in eine Steckdose gefasst und gezittert. Irre. Eine Zeit lang hatten wir diese hoch gedrehte Mickymaus-Stimme. Wir merkten, das funktioniert, und veröffentlichten dann bestimmt fünf Singles, die so klangen.

ZEIT: Wird man auf diese Weise zum Sänger, wenn man nicht singen kann?

Baxxter: (lacht) Es gibt bestimmte Songs und Tonlagen, die kann ich. Komplexe Songs waren nie meine Stärke. Im New Wave war es damals sogar gewünscht, nicht ganz so gerade zu singen. Das war die Punk-Philosophie: Man muss nichts können, einfach drauflos. Das meiste, was ich mache, ist eine Mischung aus Rap und Shout.

ZEIT: Sie haben das Shouting, also das Brüllen von Anweisungen, zum Scooter-Markenzeichen gemacht. Warum quälen Sie sich so?

Baxxter: Ich hatte damals gegen die Heiserkeit alle möglichen Lutschpastillen und Sprays. Wenn gar nichts mehr ging, hab ich eine Infusion mit einem Medikamentencocktail bekommen. Kortison, Penicillin, alles. Mittlerweile machen wir nicht mehr so viele Shows am Stück. Mit Shows wird wirklich noch Geld verdient. Der CD-Verkauf ist eher ein Hobby.

ZEIT: Sie verdienen doch an Streaming-Diensten wie Spotify.

Baxxter: Ja, aber das ist nicht zu vergleichen mit früher. Da hatten wir den Hauptanteil unserer Einkünfte durch CD-Verkäufe und haben bei Tourneen manchmal draufgezahlt. Damals kamen nur 1.000 Leute, aber wir wollten die fetteste Show. Heute ist es umgekehrt: Man bringt ein Album raus, um ein paar neue Songs zu haben. Zu unseren Shows kommen jetzt aber 13.000 Menschen.

"Ich mag keine blauen Teppiche"

ZEIT: Stresst Sie diese Veränderung? Sie werden nicht jünger.

Baxxter: Irgendwann merkt man vielleicht, dass es gut ist. Aber der Zeitpunkt ist noch nicht erreicht. Ich brauche diesen ganzen Zirkus, mir würde etwas fehlen. Ich könnte mir nie vorstellen, nur zu Hause zu sitzen. Ich bin echt happy, dass wir international Erfolg haben.

ZEIT: Was verdient man an einem Auftritt in der Mongolei?

Baxxter: Das weiß ich nicht mehr, aber es gab eine ordentliche Gage, weil es von der Regierung mitbeauftragt war. Anlässlich der 750-Jahr-Feier von Dschingis Khan. Wir sind offen für alles.

ZEIT: Sie waren offen für einen Auftritt bei einem Festival auf der Krim. Machen Sie alles für Geld?

Baxxter: Wir haben uns vorgenommen, keine weiteren Fragen zu dem Thema zu beantworten.

ZEIT: Wofür geben Sie bei Tourneen am meisten aus?

Baxxter: Auf Tour ist das Schöne, dass man gar kein Geld ausgeben muss. Da ist alles schon da. Wenn wir Aftershow-Partys machen, läuft das über die Scooter-Kreditkarte.

ZEIT: Sie wohnen auf Konzertreisen ausschließlich in Schlosshotels und Burgen und verlangen bestimmte Teppiche in den Zimmern. Klingt nach Starallüren.

Baxxter: Eigentlich bin ich recht anspruchslos. Ich habe Rituale, die einfach zu berücksichtigen sind. Und es geht auch darum, Zeit zu sparen. Deswegen soll der Tourmanager schon am Flughafen im Hotel anrufen, damit Kaffee da steht, wenn ich komme.

ZEIT: Was hat es mit den Teppichen auf sich?

Baxxter: Ich mag keine blauen Teppiche. Das ist mir zu kalt und ungemütlich. Da muss man einfach drauf achten. Ich verbringe 150 bis 200 Nächte im Jahr im Hotel. Wenn du immer irgendwo schläfst, wo du dich nicht wohlfühlst, wird das stressig.

"Zu Hause bin ich ruhiger"

ZEIT: Gibt es andere Dinge, die Sie verlangen?

Baxxter: Ein 0,3-Liter-Glas. Das sollte nicht schwierig sein, aber es ist witzig, wie oft das schiefgeht. Wenn ich einen Longdrink machen will, mit Eis, ist ein 0,2-Glas wie ein Eierbecher, 0,4 ist ein Eimer. Es muss stimmig sein. Ein vernünftiger Longdrink braucht ein 0,3-Glas.

ZEIT: Sie können darüber lachen?

Baxxter: Manchmal schon. Über Kerzen und indische Räucherstäbchen im Backstage-Raum freue ich mich auch. Das ist einfach Wohnlichkeit, kein Wahnsinnsaufwand.

ZEIT: Inwiefern unterscheidet sich Hans Peter Geerdes zu Hause von dem Musiker H.P. Baxxter auf Tour?

Baxxter: Zu Hause bin ich ruhiger. Ich brauche diese Gegensätze. Dadurch entsteht eine Spannung, eine Energie. Jeder Auftritt ist für mich ein Event. Ich drehe die Musik auf, bereite mich innerlich darauf vor. Zu Hause freue ich mich, dass es ruhig ist und ich nichts machen muss. Ich sitze im Haus oder im Garten und wurschtle rum.

ZEIT: Was sagen Ihre Nachbarn über Sie?

Baxxter: Schwer zu sagen. Ich lebe etwas abgeschieden, so viele Nachbarn sind da nicht. Ab und zu treffe ich einige in einem Café um die Ecke. Da geht es um ganz alltägliche Sachen: Was gerade im Ort passiert, wer gestorben ist. Es interessiert überhaupt nicht, was man macht, wo man gerade war. Eine Parallelwelt. Das ist schön.

ZEIT: Was passiert, wenn Scooter mal nicht mehr funktioniert?

Baxxter: Das werde ich wahrscheinlich nicht erleben. Entweder man chillt nur noch, oder man kommt von der Bühne und liegt zwei Tage später unter der Erde.

ZEIT: Gibt es noch etwas, das Ihnen fehlt?

Baxxter: Ein Aston Martin DB5. Ansonsten bin ich eigentlich ziemlich happy.