Im Spätherbst 1980 stieß Lesłayw Dyrcz, der im polnischen Brynek Forstwissenschaft studierte, bei einer Grabung nahe dem ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz auf Reste einer Thermosflasche, eingewickelt in eine durchnässte Ledertasche. Darin lagen, zusammengerollt, sechs Blatt Papier, offenbar aus einem Notizbuch herausgetrennt, weich wie Lappen und bedeckt mit etwas, das einmal Tintenschrift gewesen war. Nur einzelne Wörter waren lesbar, geschrieben, wie sich herausstellte, auf Neugriechisch.

Was der Student gefunden hatte, war eine Nachricht aus der Vergangenheit. Verfasst hatte sie, so viel konnte man dem Dokument entnehmen, ein Mann names Marcel Nadjari. Er gehörte dem sogenannten Sonderkommando des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz an und hatte die Flasche mit seinen Aufzeichnungen vergraben, um der Nachwelt von seinem Schicksal zu berichten, das für ihn die sichere Ermordung vorsah.

Das Sonderkommando in Auschwitz setzte sich fast ausschließlich aus jüdischen Häftlingen zusammen. Sie mussten der SS beim Massenmord helfen. Sie brachten die Menschen zu den Gaskammern, sie zerrten danach die Leichen heraus. Sie mussten Hunderttausende ihrer Glaubensbrüder und -schwestern verbrennen und am Ende ihre Asche fortschaffen. 2.200 Mann zählte diese Einheit in Auschwitz. Wie durch ein Wunder überlebten 110 von ihnen. Unter ihnen Marcel Nadjari. Nachdem die Häftlinge des Sonderkommandos die Öfen und Gaskammern hatten zerstören müssen, wurden sie 1945 aus dem geschlossenen Bereich um die Krematorien ins reguläre Lager von Auschwitz-Birkenau verlegt. Dabei gelang es Nadjari, die Kolonne zu wechseln und in der Folge seine Identität zu verbergen.

Der Schrecken aber war noch nicht vorüber. Nur zwei Tage bevor die Rote Armee das Lager erreichte, schickte ihn die SS auf einen Transport ins KZ Mauthausen bei Linz. Dort erlebte Nadjari die Befreiung.

Vieles wurde nach dem Fund seiner Aufzeichnungen über ihn bekannt: Marcel Nadjari war Kaufmann. Bevor er im April 1944 nach Auschwitz kam, kämpfte er in Griechenland als Soldat erst gegen die Truppen Mussolinis, dann, im Untergrund, gegen die Deutschen. Seine Eltern und seine Schwester Nelli gehörten zu den ersten Juden, die im Sommer 1942 aus Griechenland deportiert wurden. Nadjari sollte sie nicht wiedersehen.

Nach dem Krieg kehrte er zunächst in seine Heimatstadt Thessaloniki zurück, 1947 schrieb er seine Erinnerungen an den Krieg und an Auschwitz auf, für die Familie. Wenig später wanderte er mit seiner Frau Rosa Saltiel nach Amerika aus. In New York arbeitete er als Maßschneider und Modemacher. 1957 wurde seine Tochter Nelli geboren, benannt nach seiner Schwester. Am 31. Juli 1971 starb er, gerade 54 Jahre alt. Das alles wusste man nun. Seine "Flaschenpost" aber, die er vermutlich Ende 1944 verfasst und versteckt hat, blieb unleserlich.

Bis jetzt. Denn vor Kurzem konnte das Dokument mit dem Verfahren der Multispektralanalyse, bei dem Licht verschiedener Wellenlängen eingesetzt wird, im Auftrag des Moskauer Historikers Pavel Polian wieder lesbar gemacht werden. Waren bisher nur zehn Prozent zu entziffern, sind nun 90 Prozent wiederhergestellt. In der aktuellen Ausgabe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, herausgegeben vom Institut für Zeitgeschichte in München, ist es erstmals auf Deutsch zu lesen. Wir dokumentieren den Text hier in einer leicht gekürzten Fassung.