DIE ZEIT: Herr Polian, wie sind Sie auf Marcel Nadjaris Bericht aufmerksam geworden?

Pavel Polian: 2004 habe ich in einem Petersburger Archiv die Aufzeichnungen des Sonderkommando-Mitglieds Salmen Gradowski entdeckt. Danach habe ich nach weiteren Zeugnissen gesucht, die in Auschwitz von Männern des Sonderkommandos verfasst wurden.

ZEIT: Wie viele solcher Texte existieren?

Polian: Insgesamt neun, von fünf Verfassern. Neben Gradowski sind dies Salmen Lewenthal, Lejb Langfuß, Chaim Herman – und Marcel Nadjari. Er hat als Einziger dieser fünf den Holocaust überlebt. Seine Aufzeichnungen liegen im Archiv der Gedenkstätte Auschwitz.

ZEIT: Bereits 2013 haben Sie ein Buch herausgebracht, das diese Dokumente versammelt.

Polian: Nadjari fand darin allerdings nur knapp Erwähnung, denn damals ließ sich sein Text nur zu einem Bruchteil entziffern. 2015 hat sich auf einen Medienbericht hin der junge IT-Enthusiast Aleksander Nikitjaew aus Tula bei mir gemeldet. Ihm ist zu verdanken, dass wir Nadjaris Stimme wieder vernehmen können.

ZEIT: Haben Sie Hoffnung, dass nun weitere Dokumente besser erschlossen werden können?

Polian: Ja, aber es muss schnell gehen. Die Zeit, der Verfall, arbeitet gegen uns. Nikitjaew hat sich bereits an Gradowskis Berichten versucht, von denen 60 Prozent lesbar sind. Leider konnte er nur wenige Wörter zusätzlich entziffern.

ZEIT: Wie sieht es bei den übrigen Texten aus?

Polian: Von den meisten haben wir ein gutes Drittel erschlossen. Erstaunlich ist, dass ausgerechnet Nadjaris Aufzeichnungen, die am längsten in der Erde lagen, bis 1980, bisher am erfolgreichsten restauriert werden konnten.

ZEIT: Wann wurden die anderen entdeckt?

Polian: Das Gros gleich nach 1945. Unter anderem durch polnische Bauern, die auf dem Lagergelände nach Gold suchten. Zwei Texte hat man noch in den sechziger Jahren geborgen.

ZEIT: 1947 hat Nadjari seine Erinnerungen aufgeschrieben. Hat er nie erwähnt, dass er eine Botschaft in Auschwitz vergraben hat?

Polian: Vermutlich nicht. Er hat wenig über seine Zeit im Lager gesprochen. Seine Tochter Nelli hat ihn immer wieder darum gebeten. Wenn du 18 bist, erzähle ich dir alles, hat er ihr gesagt. Nelli war 14, als Nadjari 1971 starb.