Teresa Kuzmicz legt ihre Hand auf den Oberschenkel von Ewa Sonne, Ewa Sonne legt ihre eigene dazu, und wüsste man nicht, dass die beiden verwandt sind, könnte man sie für zwei frisch verliebte Rentnerinnen halten, die auf einer Bank Platz genommen haben, um zusammen Bilder anzuschauen. Wüsste man nicht, dass sie sich erst im Alter wiederfanden, könnte man es auch merkwürdig finden, dass sie sich ständig berühren, Nähe suchen. Aber so? Teresa Kuzmicz und Ewa Sonne sind Schwestern.

Teresa, die jüngere, blond und blauäugig. Ewa, die ältere, brünett, braune Augen. Getrennt voneinander gingen sie zur Schule. Getrennt voneinander krochen sie abends ins Bett. Getrennt voneinander wurden sie Frauen, Ehefrauen, Mütter, Großmütter sogar. Ein halbes Jahrhundert sollte es dauern, bis sie sich wiederfanden. Warum sollten sie jetzt auch nur einen Zentimeter Platz zwischen sich lassen?

"Schau mal, Mutter und ich haben die gleichen Augen, findest du nicht?", fragt Teresa Kuzmicz.

"Ja, sie hatte auch dieses tiefe Blau. Ich bin ihr leider nicht sehr ähnlich", sagt Ewa Sonne.

Sie haben keine gemeinsame Vergangenheit, aber noch ein bisschen Zukunft und jedes Jahr einen Urlaub wie diesen. Es ist ihr vierter Urlaubstag in Kołobrzeg an der polnischen Ostsee, bisher hatte es geregnet, heute reißt endlich die Wolkendecke auf. Die Wellen rauschen. Ein Mann läuft am Strand entlang und schreit: "Heiße! Gekochte! Maiskolben!"

Teresa Kuzmicz, 76 Jahre alt, und Ewa Sonne, 78, sitzen auf einer Bank im Schatten einiger Bäume, Oberschenkel an Oberschenkel, und betrachten ein Foto. Es zeigt eine junge, schöne Frau in Schwarz-Weiß, geschwungene Lippen, die langen Haare nach hinten gekämmt: ihre Mutter. Eine jüdische Mutter, die ihre zwei Töchter weggab, um sie vor den Nazis zu retten – wie viele jüdische Mütter in dieser Zeit. Damit ihre Kinder überleben konnten, musste sie sich von ihnen trennen.

Wenn Teresa Kuzmicz und Ewa Sonne ihre Geschichte erzählen, sich selbst und anderen, wählen sie fast immer die gleichen Worte. Ein bisschen klingt es, als sei alles ein Märchen. Als seien sie beide nur die Erzählerinnen dieser unglaublichen Geschichte.

Es waren einmal zwei Schwestern. Sie lebten mit ihren Eltern in der Stadt Lemberg, die damals noch polnisch war. Eine ganz normale jüdische Familie. Doch ein Krieg brach aus, und nun marschierten die Feinde aus Deutschland in Lemberg ein. Sie errichteten ein Viertel, in dem nur Juden lebten. Sie nannten es Ghetto. Die jüdische Familie beschloss, sich zu trennen: Der Vater sollte in dieses Viertel ziehen, die Mutter wollte versuchen, sich und die zwei Töchter zu retten.

Die jüngere, Helena, war erst sechs Monate alt und blond und blauäugig wie ihre Mutter. Sie sollte als Findelkind überleben. Die Mutter legte sie in einen Korb vor ein Kinderheim – und verschwand.

Die ältere, Ewa, zwei Jahre alt, sprach schon die Sprache der Juden, und mit ihren dunklen Haaren, sagten manche, sah sie auch etwas jüdisch aus. Die Mutter brachte sie zu einer Freundin, die selbst keine Kinder hatte und ihr noch einen Gefallen schuldete, damit sie Ewa versteckte.

Die Mutter versuchte zu verbergen, dass sie Jüdin war, und arbeitete fortan als Haushälterin. Immer wieder besuchte sie heimlich ihren Mann in seinem Viertel. Eines Tages wurde er vor ihren Augen erschossen, von einem Soldaten in einer braunen Uniform.

"Mama sieht so schön aus, nicht wahr", sagt Ewa. "Aber auch so ernst. Alle auf diesen Fotos sehen ernst aus, wir auch. Und nun schau uns an: Zwei alte Schachteln, albern wie kleine Mädchen!" Sie boxt Teresa in die Seite, dann lachen die beiden so laut, dass sich Spaziergänger nach ihnen umdrehen. Sie lachen und schnattern überhaupt sehr viel, und doch denkt man manchmal, dass ihre Fröhlichkeit vielleicht auch etwas beweisen soll: dass sie ganz normale Schwestern sind.

Im Hotel lassen sie sich Schlammpackungen auflegen, nachmittags stapfen sie über den polnischen Ostseestrand, mit deutschen und russischen Touristen, ausgerechnet. Dass sie sich vom Buffet bei jeder Mahlzeit mindestens drei Teller voll nehmen, viermal am Tag, fällt niemandem auf.

Ewa, die ältere, wuchs bei der Freundin der Mutter auf. Teresa, die jüngere, wurde von den Stufen des Kinderheims gehoben.

In Lemberg erzählte man sich zu dieser Zeit, dass die verlassenen Kinder Hilfe brauchten. Alle wussten, dass es jüdische Kinder waren. Alle wussten auch: Wer Juden half, dem drohte die Todesstrafe.

Ein junges Ehepaar kam ins Heim, das das blonde Findelkind bei sich aufnehmen wollte. Das Paar ließ es auf den Namen Teresa taufen. Ihr Alter ließen sie schätzen und trugen den 16. Mai 1941 als Geburtsdatum ein.