Seit 20 Jahren plagt mich diese Frage. Viele Leser haben sie gestellt, sehr viele, mehrere Hundeexperten habe ich dafür befragt. Deren Auskunft war stets: Es ist durchaus plausibel, denn Hunde reagieren auf ängstliche Menschen häufig mit Aggression. Und sie haben einen sehr guten Geruchssinn. Es wurde auch gezeigt, dass selbst Menschen den Angstschweiß ihrer Artgenossen wahrnehmen können. Funktioniert das auch über die Speziesgrenze hinweg? Es würde schließlich wohl kein Mensch behaupten, er könne die Angst eines Hundes riechen. – Am Ende sagten mir die Experten immer: Eine wissenschaftliche Untersuchung zu dieser Frage gibt es nicht.

Aber nun haben Forscher aus Portugal und Italien die Sache tatsächlich unter die Lupe genommen, ihre Ergebnisse erschienen im Oktober in der Zeitschrift Animal Cognition. In Lissabon wurden zunächst die Geruchsproben erzeugt: Studentische Probanden (allesamt männlich, vielleicht weil Männer stärker riechen) bekamen Filme zu sehen, die sie entweder froh stimmten oder ihnen Angst machten. Unter ihren Achseln fingen saugfähige Pads den Schweiß auf.

Diese Pads wurden in Trockeneis gepackt und nach Neapel verschifft, wo dann Experimente mit 40 Labradoren und Golden Retrievern stattfanden. Die Hunde kamen in einen Raum zusammen mit ihrem Besitzer, einem Fremden und einer Geruchsprobe (fröhlich, ängstlich oder ein unbenutztes Pad). Dann beobachtete man ihr Verhalten und maß ihre Herzfrequenz. Zum Beispiel schauten die Forscher, ob der Hund zu der fremden Person Kontakt aufnahm oder eher Schutz bei Herrchen oder Frauchen suchte.

Und das Ergebnis war eindeutig: Zunächst waren alle Hunde aufgeregt. Bei der fröhlichen und der neutralen Geruchsprobe legte sich das schnell, während die Tiere unter dem Einfluss von Angstgeruch dauerhaft gestresst blieben. Die Wissenschaftler schlossen daraus, dass sich die Angst der menschlichen Probanden auf diese Tiere übertragen haben müsse. Und je nach Temperament kann ein Hund dann einem Fremden gegenüber selber ängstlich reagieren oder die Flucht nach vorn antreten. In 10.000 Jahren als bester Freund des Menschen hat der Hund offenbar gelernt, unsere Gefühle wahrzunehmen – auch über die Nase.

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