Von christlichen Würdenträgern höre ich zuweilen, dass sie mit Neid auf volle Moscheen blicken, während ihre eigenen Gotteshäuser weitgehend leer bleiben. Da schleicht sich bei mir der Verdacht ein, sie erhoffen sich vom frommen Konservatismus, vielleicht sogar von den muslimischen Dachverbänden hierzulande, eine Wiederbelebung des Glaubens. Bitte nicht! Zwar ist der Islam in Europas Moscheen so heimisch wie nie zuvor. Doch der Dialog der Religionen bleibt von radikalen Glaubensinhalten überschattet, die nicht selten zur Legitimation von Gewalt dienen – und die Welt regelmäßig in Schrecken versetzen.

Ich fürchte, dass der Islam sich in einer Sinnkrise befindet und die Muslime dadurch in eine Zerreißprobe treibt. Seit Jahrhunderten wird der Islam von einer konservativen Theologie beherrscht. Ich glaube, wir Muslime müssen den vorherrschenden Lehren des Islams widersprechen und sie infrage stellen. "Meine" Islamreform, in Gestalt von 40 Thesen skizziert, ist öffentliche Anklage gegen einen Konservatismus, der Körper und Geist kontrollieren will. Man würde aber die Absicht dieser Reform verkennen, wenn man sie als konfessionelle Abspaltung im Sinne eines Schismas versteht. Der freiheitliche Islam, den ich mir wünsche, will auf die Vielfalt in der Einheit zeigen. Er will aufklären, will sachliche Kritik üben – und so den Pakt aufkündigen zwischen der politischen Macht selbst ernannter Vertreter der Muslime im Westen und konservativen Gelehrten außerhalb des Westens.

Meine Thesen sind von der Sehnsucht nach Freiheit getrieben. Sie setzen den Akzent auf das Individuum als Souverän seiner Existenz. Ohne Angst vor dem zu erwartenden Vorwurf der Islamophobie möchte ich als liberaler Muslim Tacheles reden: Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Ich möchte neu über Gott, den Koran, die Tradition des Propheten und die Ideengeschichte des Islams nachdenken. Denn Stillstand in einer Religion bedeutet Rückschritt. Denkverbote paralysieren den freien Geist. Ich möchte nicht, dass meine Religion den Anschluss an die Menschen und an unsere Zeit verliert.

Ich habe meinem Buch ein Zitat von Martin Luther vorangestellt: "Je mehr mich die Leute bedrohen, umso größer meine Zuversicht." Von Luther kann man als Muslim heute aber nicht nur Mut lernen, sondern auch, dass die Wertschätzung der Heiligen Schriften eben nicht bedeutet, sie möglichst eng auszulegen. Eine Interpretation des Korans heute muss die alten Texte von ihrer Leblosigkeit befreien und sie durch neue Sinngehalte bereichern. Dann kann sie zur Etablierung des Islams im Westen beitragen.

Noch ein Wort zur Islamkritik, wie ich sie verstehe: Sie ist eben nicht islamfeindlich, sondern will als integraler Bestandteil einer Reform nur die Wahrheit des konservativen Islams hinterfragen. Wie? Durch eine Analyse seiner Machteffekte. Durch Kritik an seinen Manipulationen religiöser Texte. Durch Zweifel an Dogmatisierungen. Durch Berührung mit der Moderne. Diese Islamkritik will eine alte Religion im Licht der Gegenwart verstehen. Zur Gegenwart aber gehört, dass die im Westen geborenen Muslime sich zumeist nicht als Sunniten, Schiiten oder sonst wie verfeindete Angehörige einer Konfession verstehen. Auch darin liegt eine Chance!