Man fasst sich an den Kopf. Zwar gab es zuletzt ein paar zarte Hoffnungspflänzchen zu vermelden. Aber ansonsten ist nach zwei Wochen völlig normalen Verhandlungsirrsinns der Eindruck entstanden, alle Beteiligten hätten sich in ihr jeweiliges Rechthabistan zurückgezogen und das Ganze sei gescheitert. Wie kann eine Runde von erfahrenen, weltgewandten Demokraten freiwillig in eine solche Situation laufen, während dem Westen, dem Liberalismus – oder wie immer man sagen will – weltweit der Kittel brennt?

Dabei hatte alles so formidabel angefangen. In ersten Schnupperrunden waren sich die Jamaika-Sondierer mit offenem Interesse begegnet: Was meint ihr, wenn ihr "Gemeinwohl" sagt? Was ist für euch Solidarität? Wir alle wollen Klimaschutz – was würdet ihr dafür tun?

So könnten Erwachsene miteinander reden. Sehen, woher der andere kommt. Auf diese Weise würde man dann, beispielsweise, akzeptieren können, dass der Satz "Wir wollen Menschen in Not helfen" genauso viel politische Legitimität besitzt wie der Satz "Wir wollen Zuwanderung begrenzen".

Für die Kanzlerin ist Jamaika alternativlos: Kommt das Bündnis nicht, ist sie erledigt

Stattdessen hört man jetzt aus der Sondierung: Die Grünen seien in ihrer Ideologie gefangen – als hätten die anderen Beteiligten keine Ideologie, sondern verträten lediglich die Volksmeinung, die Vernunft oder den Taschenrechner. Aber es sind nicht die Herzensanliegen der Parteilinken, die das ungewöhnlich geeinte grüne Team nach vorne stellt: Die schwarze Null steht auch für die Grünen über dem Investitionsprogramm. Die Forderung nach einer Vermögensteuer ist sang- und klanglos aus ihrem Katalog verschwunden – auch Jürgen Trittin, der die Finanzen verhandelt, hat das alte Schreckgespenst nicht aus dem Koffer springen lassen. Genüsslich wird Trittins angebliche Übermacht wie ein Halloween-Zauber beschworen: Trick or treat?

In Wahrheit insistieren die Grünen auf etwas, das erst eine schwarz-rote, dann eine schwarz-gelbe und dann wieder eine schwarz-rote Regierung bekräftigt haben: das Bekenntnis zum Klimaschutz. Was muss eigentlich passieren, bis dies nicht mehr unter Ideologieverdacht steht? Es ist nicht schwer zu erraten, woher diese Art von Wind weht. Die CSU weiß nicht, ob ihr Jamaika bei den bevorstehenden Landtagswahlen mehr schadet als das Platzenlassen der Verhandlungen. Sie weiß nicht, wer sie führen soll und wohin. Sie definiert sich bloß noch durch die Gegnerschaft zu den Grünen – ein trauriger Anblick.

Und es ist zwar eine große Freude, dass der politische Liberalismus mit der FDP wieder in den Bundestag einzieht. Aber das Trauma der Schattenjahre scheint seine destruktive Kraft gerade erst so richtig zu entfalten: bloß nicht zu konstruktiv! Bloß nicht zu grün, zu europäisch, zu warm und sozial! Bloß nicht mitspielen bei Merkel. Auch hier ist es die Abgrenzung zu den Grünen, der sechstgrößten Partei im Bundestag, die zur Identitätsfindung herhalten muss.

Nur für die Kanzlerin ist Jamaika alternativlos: Kommt das Bündnis nicht, ist sie erledigt.

Das Verrückte ist: Die Bewegung aufeinander zu hat doch längst stattgefunden. Die Grünen haben nicht nur verstanden, dass Deutschlernen keine "Zwangsgermanisierung" und die Unterscheidung von Armut und Verfolgung existenziell für das deutsche Asylsystem und seine Akzeptanz sind. Sie machen sich auch für das Überleben der deutschen Automobilindustrie stark – aber eben mit ehrlichen Preisen. Warum bei etwas Wolkigem wie dem Klima eine Obergrenze möglich sein soll, bei der Zuwanderung von Menschen aber nicht, das werden sie sicher dereinst noch plausibel erklären können.

In der CSU wiederum haben die zurechnungsfähigen Kräfte verstanden, dass man die Grünen nicht demütigen und zugleich mit ihnen regieren kann. Sie signalisieren intern: Familiennachzug gibt es für die, die bereit sind, sich zu integrieren – ein absolut akzeptabler Kompromiss. Es gibt ja auch keine einzige Studie, die beweist, dass Familiennachzug und Integration sich gegenseitig bedingen – aber für das Gegenteil gibt es reichlich Beweise. Viele bayerische Bauern teilen den Schrecken der Grünen vor industrieller Tierhaltung – heimatmäßig lässt sich doch da zusammenkommen.

Die FDP hätte die Chance, mit ihrer Staatsskepsis die verkarsteten Strukturen in der deutschen Energiewirtschaft und im Bildungssystem frisch zu elektrisieren. Kurz, alle, die da am Tisch sitzen, hätten etwas Kostbares zu geben.

Her damit, zum Teufel!

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