Einer Faustregel zufolge lassen sich gute Bücher auch daran erkennen, dass sie ein bisschen mehr wissen als ihr Autor. So gesehen, hat Jan Fleischhauer nicht nur ein aufrichtiges, sondern ein wirklich gutes Buch geschrieben.

Weshalb es sich Roman nennt, ist allerdings ein Mysterium. Es fällt, wie Fleischhauers Bestseller Unter Linken (2009), ins Genre des persönlichen Sachbuchs und rekapituliert das Drama eines Mannes, in dessen Biografie (Karriere beim Spiegel, gut geratene Kinder, Eigentumswohnung, ansehnlicher Kontostand ...) alles zum Besten steht und dem es mit Mitte vierzig den Boden unter den Füßen wegzieht (Frau weg, Wohnung weg, Konto leer, Seele im Alarmzustand der Depression). Aus heiterem Himmel, aus Sicht des Autors völlig unvorhersehbar, verkündet die Gattin nach fünfzehn Ehejahren, sie habe nur noch einen Wunsch: die Scheidung.

Dass Jan Fleischhauer in sein Humorpotenzial in gleichem Maß verliebt ist, wie er es überschätzt, lässt sich kaum übersehen. Aber wenn ein prominenter Journalist über seine Scheidung schreibt, dann geht es am Ende nicht nur um stilistische Kategorien, sondern auch um moralische. Und hier muss man vor Fleischhauer den Hut ziehen: Es gibt keinen Satz, den die Ex-Frau als verletzend, als Schmähung verstehen müsste. Keinen, der die Grenze vom Persönlichen zum schlammig Privaten überschritte. Mit Hochachtung nimmt man auch die eingestreute Mitteilung zur Kenntnis, das Scheidungspaar habe der Versuchung widerstanden, die halbwüchsigen Kinder in Geiselhaft eines Rosenkriegs zu nehmen. Da kennt man anderes.

Nun ist es so, dass Jan Fleischhauer neben dem Humor noch ein zweites Steckenpferd reitet: Zahlen und Fakten. Alles, was ins weite Feld des formalistischen Wissens fällt, hat es ihm angetan. Auf jeder Buchseite stolpert er über Statistiken, Studien und Langzeituntersuchungen zum Thema Ehe.

Es heißt ja, das Herumliegen müffelnder Männersocken triebe Frauen in den Wahnsinn und von da zum Scheidungsanwalt. Es gibt aber etwas, das Frauen noch wahnsinniger macht: rational unabweisbar richtiges, von seinem Wesen her jedoch pedantisches Argumentieren des männlichen Gegenübers. Was daran so verheerend ist, können Männer nur sehr schwer verstehen. Und Frauen, um die Wahrheit zu sagen, auch nicht richtig begründen. Aber ein Mann, der über einen längeren Zeitraum hinweg (sagen wir: fünfzehn Jahre) seiner aufgebrachten Frau bei Küchenstreitereien stone-faced gegenübersteht und sie mit dem Satz "ich hab da neulich im Netz eine Studie gelesen" zu beruhigen sucht, ein solcher Mann legt die Axt an sein Eheglück.

So weiß dieses Buch, was sich dem Autor als Mysterium darstellt: wie es dazu kommen kann, dass eine Frau aus heiterem Himmel die Scheidung will. ursula märz

Jan Fleischhauer: Alles ist besser als noch ein Tag mit dir, Knaus Verlag, München 2017; 208 S., 20,– €