Kassetten einlegen

Wenn die Arbeit getan ist und die Last des Tages allmählich von mir abblättert, setze ich mich gern in den gemütlichen Sessel in meinem Musikzimmer, entfache ein Pfeifchen mit Apfeltabak und lege eine Kassette in das Ladefach meines Kassettendecks aus den siebziger Jahren. Ganz nah gehe ich dann mit dem Ohr an das Gerät, wenn das Ladefach sich mit sattem Schmatzen schließt und das Magnetband sich leicht quietschend an der Tonwelle vorbeizubewegen beginnt, um schöne Lieder von früher in der für angejahrte Musikkassetten typischen leicht leiernden, dumpfen, angenehm verrauschten Wiedergabeweise erklingen zu lassen, zum Beispiel das Frühwerk von Boney M. oder die größten Hits des Jahres 1975 in von namenlosen Interpreten nachgesungenen Billigversionen auf dem Europa-Label.

Am liebsten höre ich mir jedoch Mitschnitte von populären Fernsehserien und Filmen der sechziger und siebziger Jahre an, die ich im Alter zwischen sieben und zehn selbst produziert habe. Weil es damals noch keine Videorekorder gab, war die Aufnahme des Fernsehtons die einzige Möglichkeit, solche Kunstwerke für die jederzeitige Wiedergabe zu konservieren. Ganze Wochenenden verbrachte ich damit, in meinem Kinderzimmer zu sitzen und mir die Tonspur von heute weithin vergessenen Filmen und Serien anzuhören, von Der Seewolf, Sandokan, Kampfstern Galactica und – am allerliebsten – von den Winnetou- Filmen mit Pierre Brice und Lex Barker. Damals kehrten beim Hören die dazugehörigen Bilder von alleine in den Kopf zurück. Heute sind sie natürlich fast alle verschwunden. Ich weiß zwar noch, wie Pierre Brice und Lex Barker aussahen, aber von den Nebenfiguren habe ich nicht mehr den geringsten Schimmer, und ich spüre auch kein Bedürfnis, dieses Wissen durch Wiederbetrachtung der Filme auf DVD aufzufrischen. Wenn ich diese alten Bänder heute wiederhöre, suche ich nicht nach den darauf dokumentierten Filmen, sondern nach dem verschwundenen zehnjährigen Jungen, der in seinem abgedunkelten Zimmer beim Hören derselben Bänder dereinst in die Welten seiner Helden abtauchte.

Mindestens ebenso interessant wie die Tonspuren der Filme sind dabei die Nebengeräusche: Mangels anderer technischer Möglichkeiten entstanden die Aufnahmen nämlich dadurch, dass ich meinen Kassettenrekorder mit eingebautem Mikrofon vor den Familienfernseher stellte und darauf wartete, dass die gewünschte Sendung im Nachmittagsprogramm lief. Da der Fernseher fest im Wohnzimmer installiert war, musste ich zur Vermeidung von Störgeräuschen die anderen Familienmitglieder während der Aufnahme ausschließen, deswegen hört man insbesondere bei Winnetou I und Der Schut meine Mutter ausgiebig an der Zimmertür klopfen und schimpfen; bei Der Ölprinz klingelt hingegen immer wieder das Telefon in die Aufnahme hinein; bei Durch die Wüste klopft die schrullige Nachbarin Oma Elvira unbeirrt gegen das Wohnzimmerfenster, aber auch Oma Elvira wird konsequent ignoriert.

Ich liebe diesen Regress. In diesen Momenten bin ich wieder ganz nah bei meinem früheren Selbst, bei dem sonderbaren Knaben, der diese Aufnahmen machte: ein herrisches Einzelkind mit wenigen Freunden und gar keiner Freundin, mit fettigem Haar und einem Hang zum Streben und zur Angeberei. Dass es mir dennoch gelingt, in diesen Momenten warme Gefühle für mich zu entwickeln, zählt zu den tollsten Effekten, die das Hören von alten Kassetten erbringt.