Hanna Jacobs, 29, ist Vikarin im niedersächsischen Selsingen. Im Wechsel mit der katholischen Theologin Alina Oehler schreibt sie, wie sie als junge Geistliche ihre Kirche verändern will. © Hannes Leitlein

Liebe Alina, gerade komme ich zurück vom Männerfrühstück in unserer Kirchengemeinde. Knapp einhundert ältere Männer, die meisten davon in Karohemd und Pullover, haben sich zu Frühstück und Vortrag getroffen. Und ich durfte als einzige Frau dabei sein, weil ich doch nicht mehr lange hier bin. Freundliches Nicken allenthalben, respektvolles Miteinander und Gespräche über Maisernte und die Rheumaliga, aber keine unangemessene Bemerkung. Am Tag davor war ich bei der Pfarrkonferenz, deren Frauenquote ungefähr so ähnlich aussieht wie beim Vorstand eines Dax-Unternehmens. Doch auch da habe ich mich noch nie unwohl gefühlt.

This is a man’s world – das trifft auch in vielerlei Hinsicht noch auf die evangelische Kirche zu. Umso bemerkenswerter finde ich, dass mir auf Anhieb keine Erfahrung aus diesem Kontext einfällt, die ich mit dem Hashtag #MeToo versehen könnte. Sexuelle Belästigung habe ich in der Kirche bisher nicht erlebt, zum Glück. Ich will damit nicht sagen, dass andere Frauen nicht Opfer verbaler oder physischer Übergriffe wurden, aber ich würde behaupten, dass es deutlich weniger sind als in anderen Settings. Wie sieht das in Deiner Kirche aus?

Ich frage mich, wie es kommt, dass ich in der Kirche keine #MeToo-Erfahrungen gemacht habe, während die sozialen Netzwerke voll davon sind. Ich bilde mir ein, dass es tatsächlich etwas mit den Werten zu tun hat, die Christen wichtig sind. Wer in seinem weiblichen Gegenüber ein Ebenbild Gottes sieht, hält sich vielleicht eher zurück, sie vermeintlich scherzhaft in die Taille zu kneifen. Wir sind als Christinnen und Christen schließlich, biblisch gesprochen, Geschwister, und auch wenn man die kleine Schwester vielleicht nicht immer so ernst nimmt wie den Bruder, man belästigt sie nicht.

Falls ich da zu idealistisch denke, kann der erfreuliche Mangel an #MeToo in der Kirche auch auf die zahlreichen Präventionsmaßnahmen zurückzuführen sein. Wer haupt- oder ehrenamtlich mit Kindern und Jugendlichen zusammenarbeitet, wird in der Regel darin geschult, sensibel mit den Grenzen des anderen umzugehen.

Ach so, doch, eine kleine Begebenheit fällt mir ein. Gegen Ende meiner mündlichen Examensprüfung in Kirchengeschichte fragte mich der Professor grinsend, wie es eigentlich mit der Erotik im Pietismus aussähe. Wer sich kirchengeschichtlich ein bisschen auskennt, weiß, dass es davon auch vor dem 17. Jahrhundert schon allerhand gab, ich sag nur mittelalterliche Frauenmystik – und die war mein Spezialgebiet. Ich nehme an, er hätte mir die Frage nicht gestellt, wäre die Prüfung zuvor weniger gut gelaufen. So konnte er beweisen, dass er kein humorloser Protestant ist, und ich ihm, dass ich zur Transferleistung fähig bin.

Ende gut – alles gut? Ich bin gespannt auf Deine Erlebnisse und grüße Dich herzlich! Deine Hanna