Einen Picasso auf dem Flohmarkt finden – davon träumt so mancher. Weniger wegen des ästhetischen Gewinns, sondern viel mehr wegen der Geldvermehrung, die das Werk verspricht. Denn mit den großen Künstlernamen verbindet sich in der Regel das große Geld. Doch das muss nicht immer so sein.

Im November vergangenen Jahres konnte man im Münchner Auktionshaus Karl & Faber eine Rembrandt-Radierung für 750 Euro ersteigern: das Porträt des Apothekers Abraham Francken. Ein paar Monate später war ein ähnliches Blatt in Köln bei Venator & Hanstein für 2500 Euro angesetzt. Es fand keinen Käufer.

Auch von Albrecht Dürer kann man günstige Werke ergattern. Den Druck Kleiner Kalvarienberg bekam man 2015 bei einem Schweizer Auktionshaus für 73 Euro. Und die berühmte Eisenradierung Die große Kanone gab es 2011 in Berlin für 750 Euro. Für das gleiche Motiv wurden in New York 92.000 Dollar gezahlt.

Dass es die berühmten Werke so günstig gibt, liegt an ihrer Produktion: Bei Grafiken, obwohl sie von derselben Platte gedruckt wurden, können die Unterschiede ganz erheblich sein.

Diese Ambivalenz ist seit der Renaissance für viele Druckgrafiken charakteristisch. Anders als heute, da eine Grafik als eigene Kunstform betrachtet und deshalb signiert und – entsprechend der Auflage – nummeriert wird, wurde damals nach Bedarf gedruckt. Auch der Tod des Künstlers setzte dem Drucken seiner Werke kein Ende. Die Holzstöcke und vor allem die Platten der Kupferstiche wurden vererbt und verkauft. Und immer wieder neu gedruckt.

Mit jeder neuen Anfertigung sank aber auch die Qualität. Von einer gewalzten Kupferplatte lassen sich in der Regel 15 bis 30 gute Drucke machen, von einer gehämmerten sind etwa 50 möglich. Danach werden die Konturen ungenau.

Doch die Verleger wussten sich zu helfen: Entweder ließen sie die Platten "aufstechen", also mit der Radiernadel nachbearbeiten. Oder sie druckten statt mit Druckerschwärze mit Brauntönen, die zeichnungsähnlicher wirken – und Fehler kaschieren. Der Kunsthistoriker Max J. Friedländer bemängelte deshalb schon 1920, oft wisse man nicht, "wo die Arbeit des Meisters aufhört und die entstellenden Zutaten beginnen, mit denen spätere Besitzer der Druckform die Absicht des Autors verfälscht haben".

Das gilt auch für den niederländischen Maler Adriaen van Ostade. Von den 50 Kupferstichen, die er radierte, blieben 48 Platten erhalten. Nach seinem Tod 1685 hatten sie 15 verschiedene Besitzer, die den Markt weiter mit "echten" van Ostades bedienten. Die jüngsten Drucke entstanden noch 1941. Das gilt auch für den Buckligen Violinspieler, den man 2014 in Haarlem für 200 Euro erwerben konnte. Das war kein ausgefallener Preis. Denn von den 891 Blättern van Ostades, die in den letzten drei Jahrzehnten bei Auktionen aufgerufen wurden, gingen 242 zurück, und 66 kosteten weniger als 750 Euro.

Ein spezieller Fall ist Rembrandt. Er schuf insgesamt etwa 290 Radierungen. Davon sind 81 Platten erhalten geblieben. Zu Lebzeiten fertigte er selbst verschiedene Versionen einer Radierung an. Angeblich um seine Sammler dazu zu bringen, vom gleichen Motiv mehrere Varianten zu erwerben. Außerdem gibt es eine Fülle von Drucken, die nach seinem Tod entstanden. Darum kursieren heute auf dem Markt teure und billige Blätter. Sein Werk Die drei Bäume war 2013 mit umgerechnet 522.000 Euro die drittteuerste Grafik. Aber im vorigen Jahr wurde es zusammen mit zwei weiteren Landschaftsradierungen in Tel Aviv bereits für 184 Euro verkauft. Auch Rembrandts Drei Orientalen gab es schon für lediglich 600 Euro.

Fragwürdig sind die dagegen die Drucke, mit denen die Park West Gallery aus Michigan den Markt überflutet. Für ihre sogenannte Millenniums-Edition manipulierten sie acht Originalplatten und produzierten jeweils 2500 Abzüge. Angeblich würden dafür inzwischen 3500 bis 10.000 Dollar gezahlt. Einen Wert haben sie – trotz des Zertifikats der Galerie – nicht. Um so ein "Original" zu verkaufen, bleibt tatsächlich nur der Flohmarkt.