DIE ZEIT:Lang Lang, wir haben Ihnen etwas mitgebracht ...

Lang Lang: ... einen Transformer! Wie cool! Da habe ich heute Abend was zum Spielen.

ZEIT: Mit ein paar Handgriffen lässt sich die Actionfigur verwandeln. Der Roboter wird ...

Lang Lang: ... zum Dinosaurier! So einen hatte ich auch mal.

ZEIT: Ist das eine der Figuren, die Sie sich als Kind immer wünschten? Die Sie als Belohnung von Ihrer Mutter bekamen und die Ihr Vater aus dem Fenster warf, um Sie zu bestrafen, weil Sie zu wenig übten?

Lang Lang: Ja. Das ist sogar eine von der Originalmarke. Solche Figuren waren vor 15, 20 Jahren sehr teuer, Importgüter aus Japan. Danke schön!

ZEIT: Diese Figuren passen in ihrer Wandelbarkeit gut zu Ihrem Leben, das sich ebenfalls ständig ändert. Aus einem Klavierschüler in der chinesischen Provinz wurde ein Student an einem Konservatorium in den USA, wurde ein weltweit gefeierter Starpianist. Und auch heute befinden Sie sich wieder in einer Transformation.

Lang Lang: Ja. Ich lerne endlich, geduldig zu sein. Meine aktuelle Situation verlangt es von mir.

ZEIT: Sie meinen die Verletzung an Ihrer Hand, wegen der Sie etliche Konzerte abgesagt haben?

Lang Lang: Genau. Im Frühjahr verspürte ich plötzlich einen großen Schmerz in der linken Hand, als ich Ravel übte, andauernd, ohne Pause und Rücksicht auf mich. Im Nachhinein ziemlich leichtsinnig. Ich hörte sofort auf zu spielen. Ich habe eine Sehnenentzündung, Tendinitis, die man wegen übermäßiger Belastung bekommt. Gott sei Dank ist es keine Nervensache, da habe ich großes Glück gehabt.

ZEIT: Wie geht es Ihnen heute?

Lang Lang: Deutlich besser. Früher habe ich in jeder freien Minute geübt – um Mitternacht genauso wie zwischendurch, wenn ich eine halbe Stunde Zeit hatte. Für die Kunst müssen Sie brennen. Nach der Verletzung habe ich drei Monate nicht gespielt. Das war qualvoll für mich. Jetzt darf ich jeden Tag eine halbe Stunde spielen. Meine Finger sind schon wieder flexibel. Ich muss aber die Kraft des Arms neu aufbauen. Alle zehn Minuten muss ich eine Pause machen. Dafür stelle ich mir den Wecker am Smartphone.

ZEIT: Was spielen Sie in dieser halben Stunde?

Lang Lang: Natürlich nicht gleich Rachmaninows Klavierkonzert Nummer drei . Und Ravel werde ich auch eine Zeit lang nicht spielen. Aber Bach und Mozart tun mir gut. Meine rechte Hand ist zu hundert Prozent einsatzfähig.

ZEIT: Wer unterrichtet Sie?

Lang Lang: Ich arbeite mit einem Team aus Deutschland – bestehend aus einem Handspezialisten und einem Physiotherapeuten, die auf Musiker spezialisiert sind. Wir stehen in regelmäßigem Skype-Kontakt. Sie geben mir Tipps und Anweisungen, denen ich sehr aufmerksam folge, damit sich die Regeneration nicht verzögert.

ZEIT: Ihre Fans werden aufatmen: Es steht nicht so schlimm um Sie, wie einige befürchtet haben.

Lang Lang: Ich möchte gern im nächsten Sommer zurückkommen und als Erstes die Goldberg-Variationen von Bach spielen. Die Entzündung hat mich eine wichtige Lektion gelehrt: Nicht alle Dinge im Leben bekommt man durch Willen und Anstrengung.

ZEIT: Das war doch jahrelang Ihr Erfolgsrezept: der Antrieb, die Nummer eins sein zu wollen.

Lang Lang: Ohne das geradezu spirituelle Streben, gut zu sein, wird man keinen Erfolg haben – egal wie talentiert man ist. Der Drang, die Nummer eins zu sein, kann aber nicht der Motor des eigenen Lebens sein. Früher hieß ein erfülltes Leben für mich: jeden zweiten Tag ein Konzert zu spielen. Ich liebe Konzerte, aber ich werde ihre Zahl reduzieren. Es ist besser, ein großartiger Freund zu sein, als einsam an der Spitze zu stehen.

ZEIT: Sie haben früher den ganzen Tag geübt. Was machen Sie, wenn Sie nicht spielen können?

Lang Lang: Ich arbeite viel. Mit meiner Stiftung, der Lang Lang International Music Foundation, organisiere ich eine ganze Reihe von Bildungsprojekten, an der Universität von Hongkong, an Schulen in den USA, gemeinsam mit den UN oder großen Konzerthäusern. Mit unserem Programm "Keys of Inspiration" helfen wir Schulen in den USA dabei, Kindern einen Zugang zu klassischer Musik zu ermöglichen und regelmäßigen Musikunterricht anzubieten. Der wird derzeit sträflich vernachlässigt.