Am Ende hat Stefaan J. Missinne den Eindruck, ich verstünde auch vom Journalismus nicht viel. Seit Tagen ist er dabei, mir in Sachen Globuskunde auf die Sprünge zu helfen. Da er mit dem Resultat seiner Bemühungen offenbar unzufrieden ist und bezweifelt, dass deren Niederschlag in dieser Zeitung seinen Wünschen entsprechen wird, sagt er mir, was für einen Titel ich über den Artikel setzen solle.

"Die Mona Lisa der Globen."

"Ohne Fragezeichen?", frage ich.

"Ohne", sagt Missinne.

Zuvor hat der 57-jährige Globensammler aus Wien in einem Hamburger Konferenzsaal eine Dreiviertelstunde lang über die wichtigste Entdeckung seines Lebens geredet. Rund hundert Teilnehmer des jährlichen Symposiums der Internationalen Gesellschaft für Kartensammler (IMCoS) hörten ihm im Oktober zu, Wissenschaftler, Hobbyforscher, Händler, Liebhaber der Materie. Das Durchschnittsalter der vorwiegend männlichen Zuhörerschaft: im Umfeld des beruflichen Ruhestands.

Was Missinne vor den Landkartenfans als Leonardo’s Globe präsentiert, ist zweifellos ein interessantes Fundstück. Es handelt sich um eine altertümliche Weltkugel, so groß wie eine Pampelmuse, 11,2 Zentimeter im Durchmesser. Hergestellt wurde sie aus den beiden runderen Hälften zweier Straußeneier, sie bilden die Hemisphären und sind so verleimt, dass ihre Naht den Äquator bildet.

Unzählige Details gibt es da zu entdecken: Wo man Deutschland lokalisieren würde, steht das Wort "Germania". Man erkennt gut das Mittelmeer, Afrika, Asien und – Südamerika. Von Nordamerika allerdings sind nur zwei Inseln zu erkennen. Und im Norden wohl Neufundland. Damit repräsentiert der Globus das geografische Wissen, das ab 1492 von Kolumbus und anderen Seefahrern nach Europa getragen wurde. Auf dem riesigen Flecken, der heute Brasilien heißt, steht: MUNDUS NOVUS.

Es soll der älteste Globus der Welt sein, auf dem die Neue Welt zu sehen ist, Baujahr 1504. Dies behauptete Missinne bereits vor vier Jahren in The Portolan, dem Journal der Washington Map Society. Damals deutete er nur einen möglichen Urheber an: "geschaffen mit etwas Inspiration aus der Werkstatt von Leonardo da Vinci".

Diese Zurückhaltung hat Missinne abgelegt. Da Vinci, sagt er, habe den Globus sogar signiert. Und damit sind wir bei der Beweisführung à la Dr. Missinne. Wann immer man den gebürtigen Belgier, der sich als unabhängiger Leonardo-Forscher bezeichnet und im Hauptberuf mit Immobilien handelt, auf "Hinweise" anspricht, korrigiert er einen. Er spricht grundsätzlich von "Beweisen", die er zusammengetragen habe. Was er an diesem Tag vorträgt, soll keinen Zweifel an der Urheberschaft des Globus zulassen.

Es ist nicht der erste Versuch Missinnes, ein Objekt dem Universalgenie zuzuordnen. 2014 erläuterte er in der Wiener Medizinischen Wochenschrift, warum er annehme, dass eine anatomische Schädelplastik von da Vinci gefertigt worden sei. Nun hausiert er mit der Behauptung, auch der Eierschalenglobus sei ein Werk des italienischen Meisters. Zwar war bisher niemandem bekannt, dass da Vinci sich als Globengraveur betätigte. Aber Missinne ist überzeugt, im unteren Teil Südamerikas mit den dort vermerkten Buchstaben VC und IS die Signatur des Genies gefunden zu haben. VC und IS bedeute nichts anderes als VINCIS. Das "I" und das "N" hat sich der Meister offenbar verkniffen. Und für das "S" am Schluss hat Missinne eine einleuchtende Erklärung. S stehe für scultore, italienisch für "Bildhauer".

Hat denn, frage ich den Vortragenden, Leonardo da Vinci noch irgendwo sonst auf diese rätselhafte Weise unterschrieben? Habe er nicht. Nur hier auf diesem Globus, räumt Missinne ein. Aber: Leonardo sei ja schließlich dafür bekannt, dass er mal so und mal so signiert habe. Mal mit einer Pyramide. Mal mit der Darstellung eines Monsters. Und schon nimmt der inzwischen gewiefte Zuhörer Kenntnis von zwei weiteren "Beweisen" für Leonardos Urheberschaft, denn auch Pyramide und Monster sind irgendwie auf dem Globus erkennbar.

Man beachte die Anordnung der Buchstaben in Südamerika: pyramidal! Weil auf der nach unten sich verjüngenden Spitze Südamerikas (Amazonien ist breiter als Patagonien) der Globusbeschrifter immer kürzere Buchstabenfolgen untereinandersetzte, kann man in der Anordnung der Lettern eine Art Dreieck oder Pyramide auf dem Kopf erkennen – zumindest dann, wenn man in Missinnes PowerPoint-Präsentation ein kräftig gezogenes Dreieck zu sehen bekommt. Veranschaulichung per Holzhammer.

Dreieck geklärt. Nun zum Monster. Es schwimmt im Meer: Südlich von Afrika ist ein Hybrid erkennbar aus Delfin, Käfer und Wal. So klingt in der Summe vieles schlüssig, das Ganze fast wie eine Beweiskette. Die Herkunft des Straußeneis etwa behauptet Missinne ebenfalls geklärt zu haben, indem er ergründete, dass es in Pavia, unweit von Florenz, dem Wirkungsort da Vincis, im 16. Jahrhundert eine Straußenfarm gab – passt. (Tage später wird er mir noch das Ergebnis einer Isotopenanalyse schicken: Die Werte im Ei verglichen mit Flusswasser, Schneckenhäusern und Erde aus Pavia seien "nicht signifikant unterschiedlich" – Herkunft also geklärt.) Dann die Schraffuren auf dem Ei: angeblich von einem Linkshänder geschaffen, Leonardo war der einzige Linkshänder in seiner Werkstatt – passt. Der schiffbrüchige Matrose, der östlich von Sibirien durchs Nordmeer krault: Seine Haartracht stimmt mit den Frisuren überein, die von 1498 bis 1505 in Florenz gerade Mode waren – passt. Oder diverse Zitatschnipsel. So schrieb da Vinci einst in ein Dokument "El mio mappamondo" – "mein Globus". Passt auch irgendwie. Oder eine Zeichnung da Vincis, auf der Kinder aus Straußeneiern schlüpfen.