Das ist kein Gewächshaus, was sich da am Rande von Wittenberg breitmacht. Es ist ein Gewächspalast, 15 überdachte Hektar groß. Nur mit Schutzkleidung darf der Besucher hinein. Erst nachdem beide Hände in ein Desinfektionsbad getaucht wurden, öffnet sich die Schleuse. In dieser Science-Fiction-Atmosphäre gedeihen – Tomaten.

Fast eine halbe Million Pflanzen sitzen je in einem Topf von circa 40 mal 20 mal 20 Zentimetern, dazwischen keine drei Handbreit Platz. Sie werden in ihrem einjährigen Leben nicht mal Kontakt mit einem Sandkörnchen haben, sie wachsen auf "Substrat" aus Kokos. Zu jeder Pflanze führen Wasser- und Nährstoffleitungen. "Raten Sie mal, wie hoch die werden!", fordert Verkaufsleiter Kevin van Ijperen, während er an den in Reih und Glied hochgezogenen Gewächsen entlanggeht, und antwortet gleich selbst. "15 Meter", ergänzt er in einem Ton, der verrät, dass er mit ungläubigen Blicken rechnet.

Den Pflanzen scheint es gut zu gehen. Sie produzieren laufend neue Früchte. Noch mehr liefern sie, wenn es ihnen nicht mehr ganz so gut geht. "Hin und wieder geben wir weniger Nährstoffe und Wasser", sagt van Ijperen. "Denn wenn es der Pflanze schlecht geht, bildet sie mehr Blüten."

Eine Tomatenzucht, in Deutschland, im Herbst? Die Wittenberg Gemüse GmbH ist ein Beispiel dafür, wie moderne Landwirtschaft unabhängig von Wetter, Böden, Sonnenlicht oder Jahreszeiten funktionieren kann. In der Lutherstadt, wo es (bis auf sehr warme Sommer) zu kalt für Tomatenanbau ist und wo es auch keine Gewächshaustradition wie in den Niederlanden gibt, werden heute massenhaft Tomaten angebaut. Einheimische Früchte sollen den Geschmack der deutschen Kunden besser treffen als spanische oder holländische. Unter dem Markennamen "Luther-Tomaten" werden sie hauptsächlich in den neuen Bundesländern verkauft. Sie kosten etwas mehr als Importware aus Andalusien. Das wird vor allem durch die "Regionalität" gerechtfertigt, die man – da die Tomaten längere Zeit reifen – auch schmecken können soll.

Die Tomate ist eine der ältesten Nutzpflanzen. Schon Maya und Azteken sollen sie kultiviert haben. Nach Europa kam sie vermutlich im 16. Jahrhundert durch die spanischen Konquistadoren. Damals war ein Erfolg kaum abzusehen, denn ausgerechnet in Italien, heute das Heimatland der Tomatensauce, hielt man die Früchte des Nachtschattengewächses zunächst für zwar hübsch, aber giftig.

Heute liegt der Pro-Kopf-Verbrauch der Deutschen bei 26,2 Kilogramm im Jahr, davon sind etwa 8,3 Kilogramm frisch, der Rest steckt in Saucen, Ketchups oder wird auf Pizzen geschmiert. 2016 wurden knapp 740.000 Tonnen Tomaten importiert. In den vergangenen Jahren kamen sie großteils aus dem spanischen Almería, mittlerweile berüchtigt für schlechte Umwelt- und Arbeitsbedingungen. Seit Kurzem führen bei den deutschen Importen die Niederlande wieder. Dort bedecken die Treibhäuser eine Fläche von 5.000 Hektar.

Auch in Deutschland wachsen Tomaten, rund 85.000 Tonnen im Jahr, die wenigsten davon unter freiem Himmel. Lediglich rund 30 Prozent werden auf Erde angebaut, der Rest auf Substraten, da die Erntemengen hier um mehr als das Doppelte höher liegen als beim Anbau auf herkömmlichem Gewächshausboden. "Die aktuelle Anbaufläche von 336 Hektar wird sich unserer Einschätzung nach leicht weiter nach oben entwickeln", sagt Jochen Winkhoff von der Fachgruppe Gemüsebau im Bundesausschuss Obst und Gemüse. Bundesweit werden neue Anlagen geplant. Besonders fix dabei sind die Niederländer, deren Tomaten lange als Inbegriff der Geschmacksfreiheit galten. Mit ihrem Know-how errichten sie Gewächshäuser in Deutschland – und produzieren so einheimische Früchte.

Womit sich die Frage nach der Ökobilanz und den Kosten der deutschen Treibhauskultur aufdrängt. Die Antwort hängt davon ab, wie viel Energie zum Heizen und Beleuchten nötig ist und wo diese herkommt. Noch schneiden spanische Produzenten hier besser ab, trotz des Energieverbrauchs beim Transport quer durch Europa. Das zeigt ein Vergleich der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Auch weil lediglich zehn Prozent der deutschen Tomatenmenge in unbeheizten Gewächshäusern wachsen. Den Rest heizen je zu einem Drittel fossile Brennstoffe, erneuerbare Energien oder Abwärme.

Darum wachsen die Luther-Tomaten auch nicht zufällig in Wittenberg, sondern sozusagen in Symbiose mit der benachbarten Fabrik der SKW Stickstoffwerke Piesteritz. Von dort kommt neben Abwärme auch Kohlendioxid, welches die Pflanzen für die Fotosynthese benötigen. In den Niederlanden wird bereits mit LED-Beleuchtung experimentiert: um die Reife während der dunklen Monate zu beschleunigen und um den Vitamin-C-Gehalt zu erhöhen. In Wittenberg wird darauf verzichtet. "Strom ist relativ teuer in Deutschland", sagt van Ijperen, "dadurch ist es für uns weniger interessant." Seine Tomaten benötigen in den kalten Monaten 60 Tage bis zur Reife, möglich wären 30 Tage.