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Kling hat sich in diesem Fall an die Presse gewandt. Das macht skeptisch, denn zu den herkömmlichen Medien hält er Abstand, er gibt keine Interviews. Es war auch nicht nötig bisher, weil das Känguru, die zentrale Figur der gleichnamigen Trilogie in Marc-Uwe Klings Bühnenwerk und Leben, ja twittert.

Das Känguru: systemkritisch, Kommunist, rastlos subversiv tätig. Eine frei erfundene Kunstfigur, würde man sagen, ein abgespaltenes Alter Ego des Autors, zum Zwecke fingierter Dialoge, zur Darstellung von innerer Ambivalenz. Aber Marc-Uwe Kling berichtet, dass das Känguru eines Tags tatsächlich bei ihm vor der Tür stand, es brauchte Eier, zum Pfannkuchenbacken. Außerdem eine Rührschüssel und einen Herd. Dann blieb es bei ihm. Aus den Känguru-Büchern wurde ein Millionenerfolg.

Dieser Kling also hat vor Kurzem einen Brief an die Presse geschrieben, klassisch auf Papier, an "liebe Journalistinnen, liebe Journalisten", um zu erklären, warum sein neuer Roman QualityLand in zwei Ausgaben erscheine: einer für Schwarzseher, dunkel gebunden, einer für Optimisten, in hell, ganz nach Geschmack.

Wie ein Rhizom in der Netzwelt

Die Idee ist ein bisschen kompliziert, daher wollte der 35-jährige Bühnenkünstler und Känguru-Gefährte Marc-Uwe Kling sie etwas erklären: So gehe personalisierte Literatur – den Lesergeschmack ernst nehmen! Eigentlich hätte er nicht zwei, sondern ein paar Tausend Ausgaben schreiben müssen, gibt er zu. In dem Brief an die Presse sagt er außerdem, ihn interessiere, ob wir noch vernünftig kommunizieren könnten, wenn wir keine gemeinsame Faktenbasis mehr hätten. Und er behauptet, die beiden Ausgaben der Anti-Utopie QualityLand seien genau gleichen Inhalts, nur seien die Werbeblöcke zwischen den Kapiteln verschieden. Die Zukunft mag schrecklich sein, Kling will spielen.

Nun ließe sich antworten, die Presse danke für das nette Entgegenkommen dieser Erläuterung. Journalisten haben viel zu lesen, und im Falle der QualityLand- Ausgaben wären es 800 Seiten. Danke sehr also. Aber: Skepsis! Kling hat auch eine fiktive Pressekonferenz gegeben, sie ist als Filmchen unter qualityland.de nachzusehen, zu Werbezwecken. Sie gehört in den Quality-Kosmos: Der Roman entwirft traditionell eine imaginäre Welt, so macht es auch dieser und dehnt sich in seinem überschießenden Einfallsreichtum zugleich wie ein Rhizom in die Netzwelt aus.

Marc-Uwe Kling sitzt in dem Filmchen (ganz Kunstfigur mit bewährtem Dreitagebart und bekannter Schiebermütze) im Blitzlichtgewitter, nimmt Fragen zu seinem Roman entgegen. Die werden ihm in lächerlich überbetontem Tonfall gestellt, Kameraschwenk: Auf den Stühlen der Journalisten sitzen nur Androiden, sprechende Maschinen. Abgesandte einer totalen Digitalität, leblos, zum Ausschalten langweilig. Die lesen nicht, nie. Eine Kaffeemaschine fragt, ob Kling einen Kaffee wolle: "Nein, danke."

Die vierte Gewalt also läuft hier wie geschmiert, auf Hochtouren, außer Betrieb, und der Roman QualityLand klettert unterdessen in der analogen Wirklichkeit die Bestsellerlisten hoch. Der ursprüngliche Poetry-Slammer Kling aus Kreuzberg ist mit QualityLand gegenwärtig auf Bühnentournee, liest wie immer vor ausverkauften Sälen, etwa in Hamburg vor fast 2.500 Leuten, die im Schnitt geschätzte 28 Jahre alt sind, mit und ohne Migrationshintergrund. Während der Show lässt er sie auf Zettelchen wählen: Wofür soll seine Gage gespendet werden? Dann Wien, Zürich. Auf der Buchmesse strömten Hunderte an den Stand, um Kling lesen zu hören.

ZEIT ONLINE-Lesung - Marc-Uwe Kling: "Das ist nicht die Meinung des Autors"

Eine "lustige Dystopie"

Man muss sich Deutschland als einen Ort vorstellen, in dem circa eine Million Menschen mit Kling und seinem antikapitalistischen Känguru bestens vertraut sind. Ob spätabends am Hoteltresen in Jena der Kfz-Händler, im Zug die Elftklässlerin, in der Sparkasse die Kundenberaterin oder auf dem dänischen Zeltplatz der Leichtmetallforscher, ungefragt erzählen sie einem vom Känguru, kenntnisreich, wie von ihrer besseren Hälfte. Viele kennen einander aus Gruppen: Klings Kosmos wirkt identitätsbildend, im Netz treibt das Anti-Terror-Netzwerk seine Blüten, das Känguru ist sein Gründer. All dies geschieht fast ohne Zutun der Presse.

Vermutlich ist der schmale blasse Mann mit den freundlichen Augen, der jetzt Abend für Abend auf riesigen Bühnen an einem kleinen Lesepult, im Schein einer Leselampe, abwechselnd aus seinen beiden Ausgaben vorliest, der einflussreichste linke Intellektuelle des Landes. Auch wenn er sich selbst lieber als Kleinkünstler bezeichnet.

Warum also schreibt Kling auf einmal an Journalisten? Sollen wir zeigen, ob wir lesen können? Ob wir doch Unterschiede zwischen der hellen und der dunklen Ausgabe finden? Dann wäre jeder als Un-Leser enttarnt, der in einer Rezension Einzelnes lieber nicht verriete, weil er vielleicht gar nichts Verschiedenes entdeckt hat? Von Kling selbst wird man es nicht erfahren, aber stellen wir es uns so vor: Er möchte die Presse mit in sein Spiel hineinholen, um dem totalen digitalen Kapitalismus zu trotzen, der den Zusammenhalt von Gesellschaften zerstört. Kling ist angesichts der rechtspopulistischen Siegeszüge und digitalen Blasenbildungen in tiefer Sorge. Er ist ein erklärter und traditioneller Zeitungsleser, nach Trumps Wahlsieg hat er ein Abo der New York Times abgeschlossen, um sie zu unterstützen.

Nun spielt die Presse, hat man QualityLand einmal zu lesen begonnen, auch im Roman selbst eine Rolle, die einen nicht loslässt. Mehrfach: Sie tritt als "Schrottpresse" auf, wörtlich, sie kommt als gedruckte Zeitung vor. Der oberste Warendatendiktator des Romans liest Zeitung, das steht auf Seite 341 (in beiden Ausgaben, hell wie dunkel). Die Zeitung gehört ihm, er hat eigens eine Druckerei gebaut, von dieser Zeitung gibt es bloß ein einziges Exemplar, exklusiv für ihn gefertigt. Nur er weiß Bescheid, was außerhalb der digital erzeugten Blasen passiert.

Gut, Kling. Es geht also nicht anders, als die Herausforderung anzunehmen.

Brutal und obszön – nichts für euch, liebe Kinder!

Eine Dystopie soll das Ganze sein, das negative Gegenteil einer Utopie, wie es unlängst The Circle von Dave Eggers oder klassisch Metropolis, Schöne neue Welt oder 1984 vorgemacht haben. Nur ist QualityLand eine Gesellschaftssatire, zum Totlachen, für alle, die noch nicht tot sind. Eine "lustige Dystopie" nennt Kling sein Opus ausdrücklich, das ist zwar keine eingeführte literarische Gattung, aber wichtig bei einem Künstler, dessen übriges Werk von der Frage durchzogen wird, ob etwas witzig ist oder wichtig. Witzig/wichtig: Das Känguru vertauscht diese Wörter andauernd, zum Zweck semantischer Subversion. Es operiert auch undercover im Untergrund.

Der neue Roman enthält daher zweifellos, nebenbei, den unausgesprochenen Suchauftrag an die Leser, ob einer in QualityLand das Känguru findet. Der Kleinkünstler Marc-Uwe Kling, fiktiv gefragt, ob das Känguru auftrete: "Ein Teil der Antwort auf diese Frage würde die Bevölkerung beunruhigen." Er meint es ernst, es hilft nur Lesen.

"Willkommen in der Zukunft, hier läuft alles rund": Die schöne neue Welt in QualityLand, von der in hypotaktisch einfacher Oberflächen-Satzfolge erzählt wird, ist durch Algorithmen optimiert. Die Antwort auf alle Fragen, die man stellen kann, lautet "ok", ein Konzern namens TheShop, der "beliebteste Versandhandel der Welt", sendet fröhliche Drohnen aus, die den Menschen wunschgemäß Waren zustellen, ohne dass sie jemand bestellt hätte, und selbstfahrende Autos finden einen Weg, den ihnen (meistens) niemand erklären muss. Alles ist bildschirmflach. Jeder Satz eine Information oder eine Pointe, mit hohem Tempo, die Herkunft der Sätze aus dem Poetry-Slam ist unverkennbar. Die klassischen Merkmale der Dystopie sind versammelt: Technikherrschaft, Personenkult, Überwachung, jeweils total.

Der Wert eines Menschen wird in QualityLand nach Marktwert und sexueller Performance automatisch um ein paar Level rauf- oder runtergestuft; die Brutalität und Obszönität dieser Passagen im Buch haben es in sich, nichts für euch, liebe Kinder. Vieles im Romangeschehen hängt daran, dass an zentraler Stelle (in beiden Ausgaben, hell und dunkel) einem erigierten Penis ein Strumpf übergestülpt wird. Dauernd sagt irgendein Touchscreen "Bitte bewerten Sie mich jetzt" oder "Eingabe nicht verstanden".

ZEIT-ONLINE-Lesung - Marc-Uwe Kling: "Der tragische Held"

Zum Weinen schön

Der Quality-Kosmos ist durchreguliert. Der sogenannte Geschlechtsverkehr zwischen zwei Menschen kann erst nach Unterzeichnung eines Hunderte von Seiten umfassenden Sexvertrags erfolgen (in beiden Ausgaben, hell und dunkel), falls dann noch einer übrig ist, der Lust dazu hat. Alles Weitere läuft einsam-digital, mit oder ohne Strumpf. Und währenddessen ist Wahlkampf, es geht um die politische Macht. Erstmals kandidiert ein Androide für die Präsidentschaft: John of Us. Sein Gegner: der Foodkonzern-Chef Koch.

In dieser Welt tritt ein männlicher Held gegen das System an, auch dies nach uraltem Muster (David mit der Zwille, Michael Kohlhaas, das gallische Dorf, neuerdings auch Macron). Der Held heißt hier Peter. Er ist Besitzer einer ererbten "Schrottpresse" im Heimformat, sie steht im Flur seiner ollen Wohnung. Manchmal stellt sich der Maschinenverschrotter in die Presse und überlegt, ob er auf den Knopf drücken soll. Das Mängelwesen Peter ist anders als alle: Er ist ein lebendiger Mensch. Er geht zum Beispiel mit Strümpfen kritisch um, sogar beim Sex in der Presse (in beiden Ausgaben, hell und dunkel). Peter kennt Empathie und rettet deshalb defekte Maschinen vor ihrer Verschrottung.

Buchstäblich: Er schleust sie in seinen Keller, an der Presse vorbei, für die sie bestimmt sind. Dort unten wohnen sie alle, im Verborgenen: eine Drohne mit Flugangst, ein Sexdroide mit Erektionsstörungen, ein Staubsauger mit Messie-Syndrom, die beschädigte E-Poetin Kalliope 7.3, sie übernimmt freundlicherweise auch das Erzählen dieses Romans. Und, Achtung, ein rosa Qualitypad ...

Im Totaldigital-Kapitalismus entkommt fast nichts der Macht. Außer der Liebe und dem Zufall. An zwei Stellen im Roman, auf je nur einer Zeile (in beiden Ausgaben), entwischt Peter unbeobachtet seiner Erzählerin und der Totalüberwachung auf eine verborgene Waldlichtung, Romantikrest, für einen ewigen Augenblick mit Kiki, seiner Zufallsliebe. Kiki vorn mit K, wie Känguru oder Kalliope oder Kafka. Oder Kling. Kommunismus. Das K ist von jeher der Buchstabe von Klangkünstler Kling, Kiki ist besonders, sie hat zwei davon. Sie repräsentiert im eisig totalen Quality-System das Unberechenbare.

Ein defektes Epos über den Kampf um das Humane

Wie Peter den Widerstand: Er spricht den großen, seit Melvilles Bartleby einschlägigen Satz aller Systemverweigerer: "Ich will das nicht." Was er nicht will, das ist ein rosa Delfinvibrator, den eine Drohne von TheShop ihm zugestellt hat. Alles, was dann geschieht, entfaltet sich aus der Tatsache, dass Peter gegenüber dem Online-Versand auf seinem Rückgaberecht besteht. Er will das Ding, das er nicht will, zurückgeben, als Retoure, koste es, was es wolle. Es geht nicht. Aber Peter ist in seinem Kampf nicht allein: Er hat ein Heer von beschädigten Maschinen an seiner Seite, die menschlicher kaum sein könnten mit ihren Ängsten und Ticks, mit ihrem ewigen Vor-den-Bildschirmen-Rumsitzen. Und ihrer Liebe, ihrem Schmerz, ihrem Zorn, aller Vergeblichkeit.

All dies ist zum Weinen schön, also starten wir doch einen Versuch, ob Marc-Uwe Kling nun, wo das Buch so erfolgreich ist, mit der Presse sprechen möchte: Nein, leider nein, Kling gibt kein Interview, er bedauert, wie solle er eine Ausnahme machen, wenn die Distanz doch seine Rolle und Haltung sei? Zumal er am Schreibtisch und auf der Bühne zum Ausdruck bringe, was es zu sagen gebe? Wir wechseln ein paar Worte, bitte ohne Stift und Notizblock, ein Mineralwasser dazu, bis die nette Tourmanagerin mit der lustigen Wollmütze die Eisentür in die Herbstnacht öffnet, auf Wiedersehen.

Was aber ist nun mit den Unterschieden zwischen hell und dunkel, den beiden Ausgaben? Gibt es. Sie sind klein, fein und entscheidend. Krieg oder Frieden. Bio-Food oder nicht. Gemäßigt sozialdemokratische Koalas oder – hm. Die Differenzen formen sich zu einem weltanschaulichen Unterschied zwischen Hell- und Dunkellesern, der so unerheblich wie schrecklich ist.

Niemand muss beide Ausgaben kaufen, versprochen. Eine reicht. Warum? Merkt man am Ende beim Lesen. Alles in allem, findet die Journalistin, ist dies ein großes, defektes Epos über den Kampf um das Humane, der nicht länger tragisch ist, sondern witzig/wichtig. Tiefernst. Dieser Kleinkünstler ist ein Künstler. Was im Einzelnen passiert (in beiden Ausgaben), wird hier nicht verraten. Eins noch: Ein Leben ohne Känguru ist vorstellbar. Aber sinnlos.

Marc-Uwe Kling: QualityLand. Ullstein Verlag, Berlin 2017; helle wie dunkle Ausgabe 384 S., je 18,– €

ZEIT-ONLINE-Lesung - Marc-Uwe Kling: "Theorie und Praxis"