DIE ZEIT: Herr Eicher, Sie sagten mal, Sie seien ein musikalischer Sammler. Ist der Songtext-Schreiber Martin Suter die nächste Trophäe in Ihrer Sammlung?

Stephan Eicher: (lacht) Martin, eine Trophäe in meiner Sammlung? Nein, die Lieder sind die Sammlung. Martin Suter ist die Natur, in der die Rehböcklein und Hirsche rumspringen – ich war gestern Wild essen (lacht). Und die Natur möchte ich natürlich nicht als Trophäe an die Wand nageln.

ZEIT: In den neunziger Jahren ...

Eicher: ... oh, über diese Zeit kann ich nicht mehr sprechen, das ist zu lang her.

ZEIT: ... keine Angst, Sie müssen sich nicht an Details erinnern. Sie zogen damals durch die Welt und haben Musiker gesammelt.

Eicher: Nein, ich hab keine Musiker gesammelt.

ZEIT: Okay, Musik.

Eicher: Eicher: Eher Erfahrung mit Musik. Die Musiker, mit denen ich damals zusammengearbeitet habe, hatten eine musikalische Intelligenz, die ich nicht habe. Ich habe eine andere Intelligenz.

ZEIT: Das müssen Sie erklären.

Eicher: Intelligenz begegnet man in jedem Menschen. Manchmal entwickelt sie sich in einer Kultur, in einer Kultur wie der unsrigen, wo alles mit Erfolg zu tun hat, mit Finanzen, mit Rechnen. Und plötzlich trifft man andere Intelligenzen, besonders bei Völkern, die mit Finanzen nicht viel am Hut haben. Aber jedes Gehirn will Unerreichtes erreichen, dünkt mich – und dem bin ich damals begegnet: musikalischen Intelligenzen, die wahnsinnige Grammatiken entwickeln und Sätze formulieren konnten.

ZEIT: Diese andere Intelligenz, fasziniert Sie die auch, wenn Sie mit Martin Suter zusammenarbeiten?

Eicher: Da wird es etwas komplizierter, deshalb würde ich die Frage gerne an ihn weiterreichen (lacht).

ZEIT: Sie, Herr Suter, sagten einmal, es sei immer ein großer Traum von Ihnen gewesen, für Stephan Eicher Texte zu schreiben.

Martin Suter: Das stimmt. Ich wollte immer Songtexte schreiben. Ich wollte auch immer schweizerdeutsche Songtexte schreiben.

ZEIT: Wieso?

Suter: Schweizerdeutsch ist meine Muttersprache. Und ich glaube, alle lyrischen Texte schreibt man am besten in seiner Muttersprache.

ZEIT: Aber Sie schreiben ja nicht Züritüütsch, Sie schreiben Berndeutsch.

Eicher: Euer Ehren, er hat in Freiburg gelebt! Da lernst du etwa so viel Bärndütsch, wie wenn du aus dem Seeland oder aus Münchenbuchsee kommst.

Suter: Und natürlich möchte man seine Texte für den Sänger schreiben, der sie am schönsten singt und damit am meisten Leute erreicht. Das ist wie beim Schreiben: Ich bin keiner von denen, die nur für sich selber schreiben. Ich habe Freude, wenn viele Leute meine Bücher lesen wollen.

ZEIT: Weshalb muss man lyrische Texte in seiner Muttersprache schreiben?

Suter: Es ist die erste Sprache, die man lernt. Die Wörter sind am stärksten aufgeladen, weil sie schon am längsten an der Batterie hängen. Ich habe immer gern auf die Liedtexte gehört. Mir ist wichtig, was gesungen wird, das berührt mich. Und ich habe auch sehr gern Volksmusik.

Eicher: Ein Spezialist!

Suter: Ein Kenner (lächelt).

ZEIT: Ernsthaft?

Eicher: Hier ist alles ernsthaft!

ZEIT: Wie stehen Sie zum Singen in Mundart?

Eicher: Da wird es sehr verwirrend, muss ich gestehen. Auf Berndeutsch habe ich eine richtig tiefe Stimme. Ich gehe eine Oktave runter und kann Vokale liefern, die es im Französischen gar nicht gibt. Auf Französisch schreibe ich einen guten Ton höher. Ich habe versucht zu analysieren, woran das liegt, zusammen mit Philip Djian, dem Schriftsteller und Freund, der mir meine französischen Liedtexte schreibt. Er beklagt sich immer: "Mit dem Suter gehst du so tief runter!"

ZEIT: Wieso ist das so?

Eicher: Es hat sicher mit der Batterie zu tun, die Martin angesprochen hat. Und damit, dass ich seit zwanzig Jahren in einer Kultur zu Hause bin, in der ich nicht den ganzen Tag Schweizerdeutsch höre. Die wenigen Platten, die ich als künstlerischer Direktor produziert habe, waren übrigens ausschließlich von Musikern, mit denen ich Berndeutsch reden konnte: Tinu Heiniger, Kutti MC oder Hank Shizzoe.