Männer auf der ganzen Welt bleiben jetzt verunsichert zurück. Wie sollen sie auf die vielen sexuellen Übergriffe reagieren, die durch den Hashtag #MeToo ans Tageslicht kommen? Mehr oder weniger offen fragen sie sich: Ich auch?

Nach der Bekenntniswelle kann keiner mehr behaupten, er habe mit Sexismus nichts zu schaffen. Denn da sind Machtmissbrauch, Vergewaltigungen und dann auch noch die volle Bandbreite alltäglichen virilen Gehabes zur Sprache gekommen, das ganze Antatschen, Drängeln, Provozieren. Jetzt keimt in vielen Männern ein Verdacht gegen sich selbst: Ist mir nicht auch schon ein blöder Scherz über die Lippen gehuscht? Lief es mal unversehens aus dem Ruder, als ich eine Frau von meiner Unwiderstehlichkeit überzeugen wollte? War ich untätig, als ein anderer sich übel benahm?

Social-Media-Kampagnen wie #MeToo stoßen gesellschaftlichen Wandel an: Männer sollen umdenken, damit Frauen (und andere Männer) stärker vor Übergriffen geschützt sind. Schön wird das nicht, auch für den einzelnen Mann: Wenn man ein Verhalten, das man für nicht der Rede wert hielt, im Nachhinein überdenkt und plötzlich von schriller Scham erfasst wird, ist das ein schrecklicher Moment.

Den erlebte zum Beispiel der Schauspieler Kevin Spacey, der sich gerade vielmals dafür entschuldigen musste, vor über dreißig Jahren einen vierzehnjährigen Jungen bedrängt zu haben. Im Überschwang des Geständnisses bekannte er sich zugleich zu einem Leben als schwuler Mann. Das Outing wurde in den sozialen Medien sofort als Ablenkungsmanöver erkannt und angeprangert.

Und unter Hashtags wie #IHave oder #HowIWillChange kann man sehen, dass auch anderen Männern die Beichte nicht leichtfertig abgenommen wird. Sie bekennen sich schuldig – und die Frauen antworten ihnen: Erwartet keine Absolution. Sie geloben Besserung – aber die Frauen sagen: Stellt nicht schon wieder euer eigenes Wohlverhalten in den Mittelpunkt. Männer werden gemaßregelt, wie von der kanadischen Fernsehmoderatorin Nicole Stamp, die auf Facebook befahl: "Akzeptiert das Unbehagen". Männliches gelerntes Verhalten ist es aber auch, Unsicherheit und miese Gefühle mit Aggressionen abzuwehren, weshalb sich unter die solidarischen Stimmen von Männern viele giftige mischen: Sie verhöhnen auf Twitter ihre Geschlechtsgenossen, die "in feministischer Sippenhaft niederknien". Sie kündigen an, Sexismus künftig als widerständigen Akt betreiben zu wollen.

In dieser aufgeladenen Stimmung ist verständlich, was sich Lars Weisbrod in der vergangenen Woche im Feuilleton der ZEIT ausgemalt hat: Er schlägt vor, "kleine geile" Verträge zu schließen, die festlegen, was in sexuellen Situationen getan werden darf und was nicht. Er denkt zu Ende, was mit Verhaltensregeln an amerikanischen Universitäten und in anderen safe spaces längst praktiziert wird, und fordert ein Privatrecht für Erotik, das radikal rational wäre und Moraldiskussionen ein Ende machen würde. Es würde auch das Risiko des Sexuellen als solches mildern: dass man sich einem anderen schutzlos ausliefern muss. Wirklich hingegeben wäre man nur der Autorität eines festen Regelwerks. Und erst dadurch geschützt vor einem letztlich immer unberechenbaren Menschen. Solche Verträge wären sachliche, amoralische Vermittler, aber wirklich wollen kann man sie nicht: Wer will denn neben Prinzipien im Bett liegen? Lieber doch neben einer atmenden, haarigen, schwitzenden, verletzlichen, dafür aber ansprechbaren Person!

Regeln sind großartig, wenn es darum geht, wer an einer Kreuzung Vorfahrt hat oder wie man gegen eine Firma Regressansprüche durchsetzt. Nur weil man ein guter Mensch ist, kommt man da nicht weiter. Manchmal braucht man die Hilfe des Rechts, weil andere Leute böse Absichten gegen einen hegen: die Nachbarn oder ein verkrachter Ehepartner. Sich jemandem mit erotischem Interesse zu nähern heißt aber noch nicht, eine böse Absicht zu verfolgen. Das eigentliche Problem ist nur, dass es lange Zeit vielen als männlich galt, rücksichtslos auf der Befriedigung seines Begehrens zu bestehen.