Woher wissen Sie, dass Sie leben? Ist es Geschrei, das in Ihren Ohren pocht, sind es faulige Gerüche, die in Nase drängen, blendende Farben, die vor Ihren Augen tanzen? Ist es all das, was Sie daran erinnert, dass Sie noch nicht verfault sind unter grauem mitteleuropäischem Himmel in zubetonierter Wohlstandsverlustangst? Fragen wie diese haben den österreichischen Dokumentarfilmemacher Michael Glawogger umgetrieben. Sie rütteln an einem, wenn man Untitled sieht. Es ist der letzte Film von Glawogger, der 2014 während Dreharbeiten in Liberia starb – ein Film mehr über ihn als von ihm.

Im Dezember 2013 rumpelten der 1959 geborene Glawogger, sein Kameramann Attila Boa und der Tonmann Manuel Siebert in einem VW-Bus aus dem winterlichen Wien gen Süden, um ein Experiment in einen Film zu verwandeln, in einen "Film ohne Namen", wie das Projekt noch hieß, einen Film, bestehend nur aus Eindrücken und Bildern, ohne Zentrum, ohne Thema. Die Reise trieb das Trio von Österreich durch Kroatien und Serbien nach Italien, übers Mittelmeer nach Marokko, durch die Wüste nach Mauretanien, Senegal, Guinea, Guinea-Bissau, Sierra Leone und schlussendlich nach Liberia. Im Standard und in der Süddeutschen Zeitung veröffentlichte Glawogger regelmäßig ein Reisetagebuch, geschrieben in seinem auf den ersten Blick simpel wirkenden, fast schnoddrigen Stil, der uns mit der Brutalität des Lebens konfrontiert und doch einen lebensbejahenden, menschenfreundlichen Kern hat. Diese Haltung prägt auch sein Buch 69 Hotelzimmer, das Vignetten zu einem Band scharfer Beobachtungen über das Reisen versammelt. Der letzte Eintrag seines Tagebuchs berichtete im April 2014 von Liberia. Am nächsten Tag starb Michael Glawogger.

Da waren bereits 70 Stunden Videomaterial über die Reise zusammengekommen. Die hat Glawoggers Cutterin Monika Willi zu einem atemberaubenden Filmessay montiert, unterlegt mit einem Kommentar aus Textteilen Glawoggers, eingelesen von der Schauspielerin Birgit Minichmayr. Willi ist als Co-Regisseurin angeführt, sie hat Untitled nicht bloß fertiggestellt, sie hat ihn in einen Film über Glawogger selbst verwandelt, in eine Hommage an diesen Cineasten, der von morbider Lebensfreude erfasst war, diesen Ethnografen der Globalisierung, der sich weigerte, das Gesehene zu exotisieren. Sein Interesse an blankem Leben hat er etwa in den Filmen Whore’s Glory und Working Man’s Death gezeigt, denen Willi bereits ihren harten, kontrastierenden Schnitt verliehen hatte.

"Der schönste Film ist einer, der nie zur Ruhe kommt", hat Glawogger gesagt, und so springt Untitled zwischen dem Balkan und Afrika hin und her, von Güterzügen in der Wüste zu verschneiten Bauruinen, zu Müllhalden voller lachender Kinder. Attila Boas Totalen spannen gigantische Wimmelbilder auf, von westafrikanischen Fischmärkten, Goldwäscherinnen oder verlassenen Bergdörfern. Tiere verwesen auf der Straße, bunt uniformierte Fußballer besprechen ihren Schlachtplan, bevor sie über den Sand dem Ball nachtanzen, erst da offenbarend, dass ihnen Gliedmaßen fehlen. Diese barocke Körperlichkeit durchzieht Glawoggers Werk. Es raunt uns zu: Da draußen ist so viel mehr überschäumendes, ekelhaftes, tragisches, wunderschönes Leben, als man sich vorstellen, als man ertragen kann. Einmal heißt es im Film: "Der Tod der Freiheit ist: jede Möglichkeit eines Unheils vorauszusehen und das Leben danach zu gestalten, nicht in Betracht zu ziehen, was an Schönem entstehen kann, wenn man solche Einschränkungen einfach ignoriert."