Ist es eigentlich ein gutes Zeichen, wenn zeitgenössische Architektur möglichst viele und möglichst heftig widerstreitende Assoziationen weckt? In München – seit jeher kein Dorado für freches Bauen – wird man das jetzt so lesen. Kaum flattern die ersten Bilder des Siegerentwurfs für den neuen Konzertsaal im Werksviertel jenseits des Ostbahnhofs durch die sozialen Medien, hagelt es am Wochenende Häme: Einen "Sarkophag" habe das vorarlbergische Architekturbüro Cukrowicz Nachbaur da ersonnen, einen siebenstöckigen "Konzertsarg". Manche fühlen sich an einen "Kuhstall" erinnert, andere an Tschernobyl. Die positiven Stimmen aus dem Netzvolk sind jedenfalls eindeutig in der Minderzahl ("Bergkristall").

Wie anders war es in Paris, als Jean Nouvel seine Pläne für die kühn dekonstruktivistische Philharmonie vorstellte! Wie anders in Hamburg mit der Elbphilharmonie! Jetzt ziehen die Münchner nach, und sie tun es so unbajuwarisch verhalten, dass selbst der Dirigent Mariss Jansons – mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks der Hauptnutznießer des Saals – einräumen muss, der Entwurf sei "nicht hässlich". Im Übrigen gehe es um die inneren Werte, um eine exzellente Akustik zum Beispiel. Nach 15 Jahren zäher Debatte klingt das doch ein bisschen verzagt. Ein Konzerthaus der Herzen wird anders begrüßt.

Das Münchner Werksviertel ist ein Gentrifizierungsareal, neben Großmärkten, Billigtankstellen und Clubs sollen dort Hotels, Ateliers und Wohnungen entstehen. Nirgends in der Stadt dürfte München unwirtlicher, ja unmünchnerischer sein. Dass Cukrowicz Nachbaur darauf mit einem "Musikspeicher" reagieren, hat seinen Reiz: Ihr 45 Meter hoher gläserner Quader läuft nach oben hin konisch zu und sieht beleuchtet, in der Dunkelheit, sicher schön aus. Zwischen drittem und siebtem Stock liegt der große Konzertsaal, dessen 1.800 Plätze sich in einer Mischung aus Weinberg- und Schuhschachtelform auf Parkett und drei Ränge verteilen.

Als Nächstes werden nun die Kosten eruiert (maximal 300 Millionen Euro), dann folgt der Akustikwettbewerb, und wenn alles passt, rollen im Sommer 2018 die ersten Bagger durch die Atelierstraße. Mit einer Fertigstellung des "Gewächshauses", der "Arche", ach, ist nicht vor 2025 zu rechnen.