Immer ein bisschen zu viel fordern, immer ein bisschen zu viel loben und lieben". Das war ihr Motto. Tausende junge Menschen wurden von Silvia Bovenschen in ihrer universitären Zeit ein bisschen zu viel gefordert und ein bisschen zu viel gelobt – und sie, Silvia, von all diesen verehrt wie keine andere. Auch von mir, als Student in den muffigen, lädierten Räumen der Frankfurter Germanistik Anfang der 1990er Jahre sitzend, "Baracke" nannten wir das Gebäude. Da begann ein großes Glück für mich. Konkret: In einem Frühromantik-Seminar. Es ging um die jungen, wilden Frühromantiker, den ahnenden Anfang der Bewegung: Das war der Ort, an dem Silvia sich zeit ihres Lebens aufhielt. Ein paar Jahre später gaben wir zusammen ein Seminar über Hans Henny Jahnns Romantrilogie Fluß ohne Ufer, zweieinhalbtausend Seiten, bei dem wir nicht über Seite 70 hinauskamen. Silvia Bovenschen verstand sich als Lehrende, sie war offensiv Philologin, Philosophin, besser: Sie war "Geisteswissenschaftlerin" und "Denkerin", nicht in akademischer Limitation, sondern in radikaler, gefährlicher Entfaltung.

Sie hat, was sie tat, geliebt. Sie hasste das Laue. Theoretisch – da kommen wir zu einem Dilemma ihres Denkens und ihrer Person, das mit anderen Motiven zu den grandiosen zehn Büchern und unzähligen Essays und Artikeln geführt hat – theoretisch hätte sie gerne sehr vieles und viele geliebt. Aber: Das meiste an der Welt, wie sie in den letzten beiden Jahrzehnten geworden ist, hat sie zur Empörung, zu Zorn, Wut und Groll gebracht. "Wenn ich im Fernsehen die Leute reden höre, dann denke ich, das ist alles Satire. Inzwischen scheint die Wirklichkeit die Übertreibung zu sein" – die Wirklichkeit, nicht die Kunst.

Ihre Einlassungen sind kein Lamentieren, kein wärmender Kulturpessimismus, sondern scharfe, konkrete, treffende Kritik. Sie konnte sich verausgaben in dieser Entrüstung – und sie tat es aus Liebe. Nie pathetisch, nie ironisch, nie zynisch. In keinem Moment ideologisch, doktrinär, elitär. Sie war eine Denkerin mit einem messerscharfen Verstand, sie war eine unzeitgemäße und gerade deshalb – frei von allem Zeitgeist – zeitgemäße Denkerin. Silvia Bovenschen sah Dinge, bevor sie andere auch nur ahnten. Intellektuell begann es mit der Emanzipation der Frauen, ihrem zur Ikone gewordenen Buch Die imaginierte Weiblichkeit. Es war verblüffend, unheimlich beinahe für einen gewöhnlichen Verstand.

Potenziell war ihr Interesse, war ihre intellektuelle Neugier grenzenlos. Phänomene wie Freundschaft, Mitleid, Schmerz, die Idiosynkrasie und die Mischungen, die Rituale haben sie zeitlebens beschäftigt, die Oper (Verdi), die Tiere (Hunde, Wölfe, Pferde), Literatur (Willehalm), das Kino (gerne auch mittelmäßige Filme). Wichtig: Philosophische und ästhetische Konstrukte wie Adornos "Nicht-Identisches", eine Idee, der sie sich bis zuletzt ganz nahe sah: im "Anderen" tatsächlich liebend und momenthaft etwas anderes zu sehen, nicht immer nur sich selbst. Sie suchte weder Definitionen noch Identifikationen, was sie suchte, waren Konstellationen.

So kommen wir zu einer Grundlage ihres Lebens und Denkens, ohne die diese Erinnerung an Silvia nichtig wäre: zu Sarah. Sarah Schumann, der Mensch ihres Lebens, selbst eine grandiose Künstlerin, die in der Malerei aufging. Sarahs Gesetz heißt das vorletzte Buch, das Silvia Bovenschen geschrieben hat: Hier wird gezeigt, was das im schönsten Falle sein kann: eine Freundschaft und Liebe, ein Glück – und wie man davon erzählen kann. Für dieses Buch wie für alle anderen fand Silvia eine eigene Form. Sie schuf "thematische und formelle Mischungen vielfältiger Textsorten und Textinhalte", so notiert sie programmatisch in der Einleitung ihres Buches Idiosynkrasien. Ihre Form wurde mit dem Alter immer freier: essayistisch, reflektierend, berichtend, punktuell wissenschaftlich auch einmal, narrativ oder ganz literarisch, fiktional. In ihren eigenen Worten: "nicht historisch-systematisch, sondern eher die Spielform des Kaleidoskopes". Das ist das schönste Bild für ihr Denken und Schreiben, die vielleicht wichtigste Eigenschaft: diskrete Eleganz in der Art zu denken und zu schreiben – und auch in ihrer Erscheinung, ihrer Haltung.

Kommen wir noch einmal zur zentralen Unruhe ihres Denkens: Die Welt ist fürchterlich, ja, aber es gibt auch anderes, das dementiert, dass sie fürchterlich sein muss; das grundlegend ablehnt, dass es sein muss, wie es ist, "alternativlos" ist (ein Wort, bei dem sie die Fassung verlor!). Ein Glück wie die Freundschaft und die Liebe, aber auch die Kunst sind unwiderlegbare Beweise: So wie dort könnte es sein!

Wie die Misere der gegenwärtigen Verhältnisse sieht sie die Misere unserer conditio humana: ihre Anfälligkeit und Hinfälligkeit. Auch das schärfer als andere. "50 Jahre leben mit MS, zwei Krebserkrankungen, etliche andere üble Diagnosen, da bleibt einem nichts übrig, als sich damit auseinanderzusetzen, dass die Tage immer gezählt sind." Permanent war die Krankheit da in ihrem Leben, Silvia machte kein Aufhebens darum. Sie war zu Sarah nach Berlin gezogen, mit Frankfurt verbanden sie weiterhin Freunde und das Engagement für unseren ("ihren") Verlag und ihre Autorinnen und Autoren. Man kam zu ihr, blickte in die funkelnden, blauen Augen der wunderschönen Frau, erfuhr die Kraft ihrer Intelligenz und vergaß die Krankheit. "Das Gehirn funktioniert noch ganz gut", sagte sie gerne, und man fühlte sich ein bisschen verspottet. Viele Male hat sie dem Tod einen Haken geschlagen, sodass sie für mich und andere unsterblich wurde. Die "Unsterblichste" von allen. Wir waren uns sicher, der Tod würde sie nie kriegen. Sie selbst wusste es besser. "Ich kann meinen Tod denken", sagte sie, auch wenn sie, grundsätzlich, "gegen das Sterben war". "Was für eine Verschwendung", sagte sie. "Da stellt sich mit so viel Aufwand ein einzelner Mensch her, eine für immer einmalige Konstellation, und dann ist nach ein paar Augenblicken alles vorbei. Man trifft sich nie wieder!" In Älter Werden steht: "Die Auflehnung gegen den Tod, die manche ihrer Vergeblichkeit wegen lächerlich finden, hat mir immer imponiert."

Ein Mittel des Umgangs damit war der – subversive, scharfe – Humor, in Korrespondenz mit ihren rheinländischen Elementen, die ihr ihre Kölner Mutter "geschenkt" hatte. Einen Witz erzählte sie immer wieder: "Sagt die 91-jährige Frau zu ihrem gleichaltrigen Mann am Grab ihres 73-jährigen Sohnes: ›Ich hab dir ja gleich gesagt: Den Kleinen kriegen wir nicht durch.‹" Ein Witz, den ihr der Vater nach der Diagnose ihrer Erkrankung erzählt hatte und über den sie zusammen gelacht hatten, ein Witz, über den sie ihr weiteres Leben lang ausgelassen lachte. Wichtig war ihr nach jedem Treffen diese Bilanz: "Haben wir heute auch genug gelacht?" Die Bilanz stimmte immer. Auch ein anderes Fazit wurde in den letzten Monaten immer wichtiger: "Jörg, wir haben es doch gut gemacht. Gut gemacht und gut gehabt." Ja, das hast du, Silvia. Du hast es gut gemacht.