Ist Cicely Saunders an allem schuld? Schließlich ist es der englischen Krankenschwester, Ärztin und Begründerin der Hospizbewegung zu verdanken, dass Sterbende heute genügend schmerzstillende Opioide erhalten. Noch in den 1970er Jahren war es keineswegs selbstverständlich, dass todkranke Patienten diese potenziell abhängig machenden Medikamente verschrieben bekamen. Doch Saunders’ Konzept der umfassenden Palliativpflege setzte sich durch.

Dann aber lief die Sache aus dem Ruder. Zunehmend erhielten auch Patienten mit chronischen Schmerzen Opioide, was Nebenwirkungen hatte. Vor allem in den USA wurden immer mehr Patienten von den Schmerzmitteln abhängig. 2016 starben rund 30.000 Amerikaner an einer Überdosis Opioide. Vergangene Woche rief der amerikanische Präsident deshalb den Gesundheitsnotstand aus. Sind das nun die fatalen Nebenwirkungen von Cicely Saunders’ schöner Idee?

Dass die Verschreibungspraxis in den USA Anlass zur Sorge gab, beobachteten Arbeitsmediziner schon um die Jahrtausendwende. Doch es brauchte mehr als ein Jahrzehnt, bis die Behörden so alarmiert über die steigende Zahl von Opioid-Toten waren, dass vielerorts wieder strengere Gesetze in Kraft gesetzt wurden. Plötzlich bekamen abhängige Patienten ihren "Stoff" in einigen Bundesstaaten nicht mehr. Sie schwenkten um auf illegale, unberechenbare Drogen. Das paradoxe Ergebnis der härteren staatlichen Gangart: Es starben nicht weniger, sondern sehr viel mehr Menschen.

Auch in Deutschland verschreiben Ärzte Opioide bisweilen zu großzügig, eine Todeswelle gibt es indes hier nicht. Verfallen Amerikaner leichter der Sucht? Sind die Ärzte dort skrupellose Dealer? Nein, es liegt daran, dass das Gesundheitssystem in den USA ein Teil des Turbokapitalismus ist, der auf schnellen Profit statt auf langfristige Lösungen setzt. Vordergründig rechnet es sich, Schmerzpatienten mit Opioiden zu befrieden. Dass ein nicht unbeträchtlicher Teil von ihnen in die Abhängigkeit geriet, wurde offenbar als Kollateralschaden in Kauf genommen.

Hierzulande begrenzt das Betäubungsmittelgesetz solche Exzesse. Ärzte müssen Sonderrezepte ausstellen. Und sollten Patienten abhängig werden, können sie in einer Schmerzklinik entwöhnt werden und dort Lösungen erlernen, die Körper und Geist ansprechen – das dauert länger und wird in den USA immer weniger favorisiert. Gerade solche umfassende Hilfe war es eigentlich, die Cicely Saunders angestrebt hatte. Sie hatte bei ihrer Schmerztherapie die physischen, psychischen, sozialen und spirituellen Anteile des Leidens im Sinn. Die isolierte Gabe von Opioiden, die schnelle Lösung, erscheint in diesem Konzept wie eine Perversion ihrer Idee.

Das amerikanische Beispiel lehrt, dass ein Medikament immer nur so gut ist wie die medizinische Kultur, in die es eingebettet ist. Das sollten all jene genau studieren, die auch hierzulande die Profitmaximierung im Gesundheitswesen anstreben.