Was palästinensischen Digitalunternehmern derzeit am meisten fehlt, ist Geduld. Derrar Ghanem, ein 27-Jähriger mit schwarzen Locken, wippt nervös auf einem Bürostuhl im ersten Stock der Leader’s Organization, einem Gründerzentrum in Ramallah. Von draußen dringt das Stampfen der Presslufthämmer durchs offene Fenster. Draußen, im Geschäftsviertel Al-Masjun, wird zurzeit viel gebaut.

Auch Ghanem will dazu beitragen, ein neues, modernes Ramallah zu errichten – mit seinem Start-up Build Palestine. Er ist einer von vielen jungen Gründern, die mit IT-Diensten oder Apps fürs Smartphone ihr Geld verdienen wollen. So wie die Gründer in den USA oder in Europa. Ganz ohne finanzielle Hilfe von der Regierung oder von Nichtregierungsorganisationen, die seit Jahren die palästinensische Wirtschaft im von Israel kontrollierten Westjordanland künstlich aufpäppeln.

Nur dass es Gründer wie Derrar Ghanem schwerer haben als ihre Branchenkollegen in anderen Ländern. Hier in Ramallah stoßen Unternehmer wie er auf gewaltige Widerstände, jeden Tag. Das Internet ist hier tatsächlich noch Neuland. Die Politik, die eine Digitalisierung vorantreiben könnte, arbeitet behäbig. Derrar Ghanem aber will nicht mehr warten. Er will loslegen.

Build Palestine ist eine Online-Plattform für Crowdfunding, ein Portal zum Spendensammeln. Vor einem Jahr hat Ghanem sie gegründet, mit einer Anschubfinanzierung von 40.000 US-Dollar aus einem Risikofonds palästinensischer Geschäftsleute. Auf dem Portal treffen Aktivisten, die eine Projektidee haben, auf Spender, die sie unterstützen wollen. Seminare für Flüchtlingsfrauen oder Workshops für palästinensische Schüler konnten bereits mittels Schwarmfinanzierung ermöglicht werden, ganz ohne Kredite. "Wir wollen Ideen fördern, die das Leben der Menschen in Palästina verbessern", sagt Ghanem.

Eines der größten Projekte, für das Build Palestine gesammelt hat, kam aus Gaza, dem von Israel und Ägypten abgeschotteten Küstenstreifen am Mittelmeer. "Ambulanzen brauchten während des letzten Gaza-Kriegs zu lange, um Verletzte zu bergen", sagt Ghanem. Die Rettungskräfte erkannten, dass man Leben retten kann, wenn es in jeder Nachbarschaft gut ausgerüstete Ersthelfer gibt. Das Projekt ging um die Welt. Spender aus 85 Ländern gaben insgesamt 5.000 US-Dollar. Dafür kauften die Projektgründer 35 Erste-Hilfe-Koffer für Gaza.

In Deutschland heißen solche Plattformen Betterplace, Startnext oder Kickstarter, sie sind längst etabliert. In den palästinensischen Autonomiegebieten ist Crowdfunding völlig neu. Spenden aus dem Westjordanland und dem Gazastreifen konnte Ghanem bislang nur offline eintreiben – über Benefizabende wie einer Kunstausstellung mit Werken palästinensischer Künstler. Das liegt nicht daran, dass in Gaza niemand übers Internet zahlen will. Sondern daran, dass es in den palästinensischen Autonomiegebieten kein Online-Bezahlsystem gibt. Mit einem palästinensischen Bankkonto kann man sich nicht bei PayPal anmelden. Ghanem hat seine Plattform auch in den Vereinigten Staaten registrieren lassen, damit er Zahlungen aus dem Ausland erhalten kann.

Dass PayPal in den Palästinensergebieten nicht funktioniert, gilt in der dortigen Gründerszene als große Wachstumsbremse. Transaktionen per PayPal sind einfach und schnell, aber bislang sei nicht geplant, den Zahlungsdienst in den palästinensischen Autonomiegebieten anzubieten, sagt ein Sprecher von PayPal. Warum nicht, dazu möchte er nichts sagen. Beobachtern wie der Aktivistengruppe PayPal for Palestine zufolge ist der Markt im Westjordanland und Gaza für den US-Finanzkonzern nicht attraktiv genug. In den palästinensischen Autonomiegebieten leben etwa 4,8 Millionen Menschen, das Pro-Kopf-Einkommen liegt bei knapp 2.900 US-Dollar – das Einkommen in Deutschland ist mehr als 14-mal so hoch. Online-Shopping ist unter den Palästinensern außerdem kaum verbreitet. PayPal erschließe lieber lukrativere Märkte, vermuten die Aktivisten.