DIE ZEIT: Herr Altmaier, ist eine Koalition mit den Grünen und der FDP für die Union ein Herzensprojekt?

Peter Altmaier: Jamaika entspringt nicht den Wünschen der Beteiligten, sondern ist nach der Verweigerung der SPD die einzig denkbare Koalition. Es macht einen Unterschied, ob man eine solche Konstellation anstrebt oder ob sie durch den Wählerwillen erzwungen wird. Dennoch kann ein solches Bündnis erfolgreich sein, weil es eben kein Lagerbündnis, sondern ein lagerübergreifendes Bündnis ist. Das verlangt den Beteiligten viel ab, ist aber auch eine Chance zur Überwindung ideologischer Gräben.

ZEIT: Sie sagen also den Jamaika-Skeptikern aus dem Unionslager: Wir wollen nicht, aber wir müssen?

Altmaier: Wir haben vor allem einen Auftrag: dem Land eine stabile Regierung zu geben. Deutschland ist aufgrund seiner Größe und internationalen Verflechtung ein Land, das sich eine endlose Regierungsbildung nicht leisten kann. Es wäre eine Kapitulation vor den Populisten von der AfD, wenn Union, FDP und Grüne den Regierungsauftrag, den sie erhalten haben, in die Hände des Wählers zurückgeben würden. Das ist ein ganz starkes Argument, das auch von einer großen Mehrheit in der Union mitgetragen wird.

ZEIT: Warum hat die Union bei der Bundestagswahl ein so verheerendes Ergebnis eingefahren?

Altmaier: Die Union hat mehr Stimmen bekommen als 2009. Wir haben in den letzten Tagen des Wahlkampfes Wähler an die FDP verloren, weil das Rennen um Platz eins entschieden war und es nur noch um die Frage ging: Wer wird drittstärkste Partei? Wir haben in etwa gleicher Höhe Stimmen an die AfD verloren, weil in den letzten Wochen die Debatte über die Flüchtlingspolitik den Wahlkampf beherrscht hat.

ZEIT: Es waren die Debatten über die Flüchtlingspolitik, nicht deren Fehler?

Altmaier: Zur Zeit der Bundestagswahl waren die Flüchtlingszahlen längst wieder auf einem niedrigen Niveau. Aber Martin Schulz hat den Konsens in dieser Frage aufgekündigt. Das hat der SPD zwar nicht geholfen, aber es hat dazu geführt, dass die Bindekraft der beiden großen Parteien gelitten hat.

ZEIT: Warum ist es Ihnen nicht gelungen, klarzumachen, dass sich Ihre Flüchtlingspolitik seit 2015 wesentlich verändert hatte?

Altmaier: Wir haben sehr klar gemacht, dass die Entscheidung 2015 richtig war, dass sich aber eine Situation wie damals – aufgrund der inzwischen getroffenen Maßnahmen – nicht wiederholen würde. Wir sind mit dieser Position immerhin die stärkste Partei geworden, und obwohl das Thema nach wie vor polarisiert, findet nach allen Umfragen eine Mehrheit der Deutschen unseren Ansatz in der Flüchtlingspolitik richtig. Dennoch werden wir genau analysieren, warum wir eine Million bisheriger CDU/CSU-Wähler diesmal nicht erreicht haben.

ZEIT: Kann die Führung der CDU diejenigen ignorieren, die als Reaktion auf den Aufstieg der AfD eine schärfere konservative Profilierung fordern?

Altmaier: Konservative werden auch künftig in der CDU eine Heimat haben, aber das Ergebnis wäre mit Sicherheit schlechter ausgefallen, wenn die Union seit 2005 nicht mit einer modernen Familien-, Sozial- und Umweltpolitik ihr Profil als Volkspartei aufrechterhalten hätte.

ZEIT: Die ÖVP in Österreich hat bewiesen, dass man auch mit einem konservativen Kurs erfolgreich sein kann.

Altmaier: Das Ergebnis der ÖVP liegt nicht oberhalb, sondern unterhalb von unserem. Österreich kämpft seit vielen Jahren mit einer großen rechtspopulistischen Partei. Das haben wir in Deutschland lange verhindern können. Jetzt ist die AfD in beachtlicher Stärke im Bundestag, das muss aber nicht so bleiben. Deshalb ist es für die Union wichtig, dass sie ihren Platz in der Mitte des politischen Spektrums behauptet. Was nicht ausschließt, dass wir unsere Politik immer wieder daraufhin überprüfen müssen, ob sie die Menschen erreicht. Das bedeutet, dass wir Themen wie Alltagskriminalität oder auch misslungene Integration in Ballungsräumen ernst nehmen müssen. Auf diesem Niveau findet die Auseinandersetzung mit der AfD statt und nicht durch einen sich gegenseitig überbietenden Populismus. Auch deshalb ist es so wichtig, dass wir jetzt zügig eine stabile Regierung bekommen.

ZEIT: Bei Ihren potenziellen Partnern scheint dieses Argument noch nicht durchgedrungen zu sein.

Altmaier: Ich sehe bei FDP und Grünen eine hohe Bereitschaft, sich auf dieses Experiment einzulassen. Ich sehe sogar Neugierde, was allerdings nicht heißt, dass es einfach wird.

ZEIT: Kann man eine stabile Koalition zusammenbringen, wenn das Lieblingsprojekt der einen der Albtraum der anderen Seite ist?