Altmaier: Wenn man versuchen würde, sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner herunterzuverhandeln, würde das nicht funktionieren. Wir müssen stattdessen aus gegensätzlichen Positionen eine Synthese bilden. Wenn man beispielsweise erkennt, dass Klimaschutz dadurch erreicht werden kann, dass man mit marktwirtschaftlichen Mitteln neuen Technologien zum Durchbruch verhilft, lassen sich Gegensätze auflösen. Die eine Seite muss begreifen, dass nachhaltiges Wachstum nur mit Klima- und Umweltschutz zu erreichen ist, und die andere, dass man den Klimaschutz mit marktwirtschaftlichen Mitteln sogar besser als mit staatlichen Eingriffen voranbringen kann.

ZEIT: Hört sich gut an, doch wenn es konkret wird, ist es schwieriger: Die Grünen wollen den Ausstieg aus der Braunkohle, damit Deutschland seine Klimaziele einhalten kann, Union und FDP wollen das nicht.

Altmaier: Der Anteil der fossilen Energien an der Stromerzeugung sinkt seit Jahren stetig. Der Streit mit den Grünen geht über das Tempo und über die Instrumente. Wir diskutieren also nicht über die Ziele, sondern nur darüber, wie sie erreicht werden können. Das ist für das Jahr 2030 sicher leichter als für 2020, weil wir bis dahin nicht mehr viel Zeit haben.

ZEIT: Wäre es da nicht realistischer, wie die FDP zu sagen: Wir streichen offiziell das Ziel für 2020, weil es ohnehin nicht mehr zu erreichen ist?

Altmaier: Das sollten wir nicht tun. Deutschland steht bei diesem Thema unter besonderer Beobachtung: Wir haben gezeigt, dass Klimaschutz möglich ist, ohne dass darunter die Wettbewerbsfähigkeit leidet. Wenn wir die Klimaziele offen infrage stellten, dann hätte das eine fatale internationale Signalwirkung.

ZEIT: Sehen Sie eine gemeinsame Idee, eine Überschrift für Jamaika?

Altmaier: Auch wenn man diese Konstellation ideologisch nicht überhöhen sollte, gibt es etwas, was uns alle verbindet: die Idee der Nachhaltigkeit. Wenn man ein nachhaltig hohes Wachstum will, muss man für nachhaltige ökologische Rahmenbedingungen sorgen. Umgekehrt kenne ich kein Land, das beim Thema Umwelt vorne liegt, aber wirtschaftlich schwach ist – ganz einfach, weil der Umweltschutz Geld kostet.

ZEIT: Die FDP hat das Prinzip formuliert, dass es für das Land nicht gut ist, wenn Finanzministerium und Kanzleramt sich in den Händen einer Partei befinden.

Altmaier: Das Kanzleramt und das Finanzministerium waren in den letzten acht Jahren in den Händen derselben Partei, und das waren acht Jahre, in denen wir eine überaus erfolgreiche Finanzpolitik gemacht haben. Es ist uns erstmals seit 1969 gelungen, keine neuen Schulden aufzunehmen und zugleich die Investitionen zu erhöhen. Ich sehe also nicht, welches Prinzip hier abgeleitet werden könnte. Das einzig gültige Prinzip lautet: Über Personalfragen wird erst entschieden, wenn die Sachfragen geklärt sind. Das Amt der Bundeskanzlerin ist gesetzt, alles andere ist Gegenstand von Verhandlungen.

ZEIT: Das Finanzministerium ist auch deshalb so begehrt, weil es beim Thema Europa über großen Einfluss verfügt. Halten Sie es für denkbar, das zu ändern?

Altmaier: Davon halte ich nichts. Das Finanzministerium ist ein starkes Ministerium und sollte es auch in Zukunft bleiben. Wenn Sie mich fragen, wo ich den größten Bedarf für einen möglichen Neuzuschnitt der Kompetenzen sehe, dann beim Thema Digitalisierung. Unsere Unternehmen sind heute in der Lage, sich auf den Weltmärkten zu behaupten. Doch durch die Digitalisierung verändert sich das Spiel komplett. Damit stellt sich zum Beispiel die Frage, wo wir die Zuständigkeit für die digitale Infrastruktur ansiedeln, für selbstfahrende Autos oder für das digitale Bürgerportal.

ZEIT: Auch die Integration ist eine Jahrhundertaufgabe. Wäre ein eigenes Integrationsministerium sinnvoll?

Altmaier: Ich bin mir da nicht so sicher. Es gibt ja bereits die Integrationsbeauftragte im Kanzleramt. Und es ist wichtig, dass alle großen Ressorts für Integration mitverantwortlich sind. Ich glaube, wir haben gute Erfahrungen damit gemacht, die Zahl der Ministerien zu begrenzen. Das führt dazu, dass manche Debatten bei uns zielgerichteter geführt werden als in Ländern mit 25 oder 30 Ministerien.

ZEIT: Sie sind kommissarischer Finanzminister. Sagen Sie uns: Wie viel Geld ist da?

Altmaier: Ich habe eine sehr betrübliche Nachricht: Es ist weniger Geld da, als sich alle Beteiligten wünschen.

ZEIT: Es sei denn, Sie verabschieden sich von der schwarzen Null.

Altmaier: Wir haben in den siebziger Jahren die Erfahrung gemacht, wohin es führt, wenn wir mehr Geld verteilen, als wir erwirtschaften. Im Rückblick muss man doch sagen: Das hat sich nicht ausgezahlt. Wir profitieren in ganz ungeheurem Maße von unserer soliden Haushaltspolitik. Internationale Investoren sind bereit, uns sehr günstig frisches Geld zu leihen. Das spart Zinsausgaben, dafür können wir mehr investieren.

ZEIT: Werden Sie noch einmal versuchen, auf die SPD zuzugehen?

Altmaier: Der Zug ist abgefahren. Martin Schulz hat noch am Wahlabend erklärt, er stehe dafür nicht zur Verfügung. Und jetzt hat er gesagt, wenn Jamaika nicht zustande komme, sei er für Neuwahlen. Damit hat die SPD sich selbst aus dem Spiel genommen.

ZEIT: Und wenn Sie doch scheitern: Kann Angela Merkel dann weitermachen?

Altmaier: Wenn man will, dass Gespräche gelingen, sollte man nicht übers Scheitern reden.