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Sagen Sie nicht: "Weil er unschuldig ist!" Wäre das so, säßen kaum Häftlinge in türkischen Gefängnissen. Dass Steudtner und die anderen Menschenrechtler keine Agenten sind, weiß auch Erdoğan. Warum saßen sie dennoch vier Monate in Haft? Weil Erdoğan Geiseln brauchte, um den lauter werdenden Protest in Europa zum Schweigen zu bringen und in Deutschland untergekommene Gegner ausgeliefert zu bekommen. Zudem meinte er, die durch solche Verhaftungen ausgelöste Angst würde internationale NGOs davon abbringen, sich intensiver um die Türkei zu kümmern.

Warum wurden sie dann freigelassen?

Sicher spielte Schröders Mission eine Rolle, doch bereits zuvor hatte die türkische Regierung gemerkt, dass ihre Strategie ins Leere lief, sich sogar umgekehrt auswirkte. Weit davon entfernt, den Protest in Europa abzuschwächen, hatten die Verhaftungen ihn in Empörung verwandelt und die zunehmend autoritäre türkische Politik nur umso sichtbarer gemacht. Vor allem aber ließen sie die Idee von Wirtschaftssanktionen keimen. Ein deutscher Diplomat sagte mir, der 20. Juli stelle für die deutsche Türkei-Politik einen historischen Bruch dar.

Erinnern wir uns: Am 17. Juli waren sechs von zehn auf der Insel Büyükada versammelte Menschenrechtler verhaftet worden. Zwei Tage darauf kam es zur Krise, als Ankara Berlin über Interpol unterrichtete, dass 681 deutsche Unternehmen wegen Terrorvorwurfs auf der "schwarzen Liste" stünden. Als Deutschland sich entrüstete, sprach der türkische Innenminister telefonisch von einem Missverständnis und zog die Liste zurück. Das reichte aber nicht. Am 20. Juli beschloss die deutsche Regierung eine grundlegende Änderung ihrer Türkei-Politik. "Genug ist genug", hörte ich vom Außenminister persönlich. Jeder Deutsche sei in der Türkei nun gefährdet, sagte Gabriel, auch für Investitionen könne man nicht mehr garantieren. Hermes-Bürgschaften wurden eingeschränkt. Wirtschaftssanktionen hatte man sich bis zum Schluss aufgespart. Einige deutsche Firmen stellten zwar weiter eigene Interessen in den Vordergrund und nahmen Ausschreibungsaufträge aus Ankara an, viele andere aber waren beunruhigt. Direktinvestitionen gingen zurück. Nahezu alle Geschäftsführer deutscher Firmen in der Türkei übertrugen ihre Aufgaben an türkische Mitarbeiter und kehrten nach Deutschland zurück. Versetzungen nach Istanbul wurden ausgeschlagen. Eine Reihe Industrieller hielt nach alternativen Märkten Ausschau, etwa in Bangladesch oder Indien.

Die Türkei büßte ihren größten Exportmarkt ein, hinzu kommt die Tourismusflaute. Wirtschaftskreise sind beunruhigt, dass die Hauptfolgen der Schäden erst 2018 spürbar sein werden. In der türkischen Führung gibt es durchaus Personen, die sich dessen bewusst sind, darunter der Premier. Aus Angst vor Erdoğans Zorn trauen sie sich aber nicht zu reden. Ein deutscher Minister sagte, man telefoniere nicht einmal mehr mit den türkischen Kollegen, der Kontakt liege brach. So dürfte Schröders Intervention vor allem Erdoğans schweigende Minister gefreut haben. In Berlin herrsche die Auffassung, dass sich die Beziehungen der Türkei zu Deutschland und zur EU nicht normalisierten, solange Erdoğan im Amt sei, sagte der erwähnte Diplomat weiter. "Wir sind im Beziehungswinter. Wir sind aber entschlossen, die Beziehungen zur Türkei jenseits der AKP nicht abzubrechen."

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe