DIE ZEIT: Herr Lauder, was lässt sich aus dem Fall Gurlitt lernen?

Ronald Lauder: Unzählige Opfer und deren Erben sind noch immer auf der Suche nach ihrem rechtmäßigen Eigentum. Dank Gurlitt haben Millionen von Menschen plötzlich verstanden, dass es auch Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg das Problem im Umgang mit NS-Raubkunst weiterhin gibt und einige der Profiteure dieser Verbrechen noch immer unter uns leben. Der Druck auf jene, die sich der Vergangenheit noch nicht gestellt haben, hat zugenommen. Das Versteckspiel ist definitiv vorbei.

ZEIT: Was muss sich verändern?

Lauder: Es gibt weiterhin Museen und Sammlungen, die keine Provenienzforschung betreiben. Und leider sind auch die Archive noch immer nicht in dem Maße zugänglich, wie sie es eigentlich sein sollten. Einige Institutionen ziehen es vor, sich hinter Datenschutzverordnungen zu verstecken. Aber es gibt auch Museen und Sammlungen, die nicht das Geld haben, transparente Archive aufzubauen. Denn die öffentliche Förderung konzentriert sich nur auf die Forschung und nicht auf den Aufbau von Archiven. Für Provenienzforschung ist der Zugang zu Forschungsergebnissen aber unerlässlich. Diese Lücke muss geschlossen werden.

ZEIT: Für private Eigentümer von Nazi-Raubkunst gibt es weiterhin keine Verpflichtung, den rechtmäßigen Eigentümern ihre Werke zurückzugeben.

Lauder: Ich befürchte, dass private Sammlungen dafür mehr Anreize brauchen werden. Für mich ist das eine der wichtigsten Aufgaben der Bundesregierung. Ich plädiere dafür, dass alle relevanten Akteure – die Bundesregierung, das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste, die Opferorganisationen – hier eng zusammenarbeiten. Zwar müssen private Sammlungen einerseits die notwendige Unterstützung erhalten, die sie für die Forschung und die Verhandlungen benötigen. Andererseits müssen Privatsammler aber auch verstehen, dass eine Sammlung nicht nur weniger wert ist, wenn sie geraubte Kunst enthält, sondern dass sie sich dem Problem früher oder später werden stellen müssen. Es wird nicht verschwinden.

ZEIT: Deutsche Behörden haben bei Cornelius Gurlitt auch Zehntausende Dokumente gefunden, darunter Quittungen, Briefe, Kataloge, Gutachten und Fotos. Sollten diese Unterlagen ohne Einschränkungen im Internet veröffentlicht werden?

Lauder: Das Material, das für die Kunstwerke relevant ist, muss veröffentlicht werden. Jeder Provenienzforscher wird Ihnen sagen, dass er nur dann seine Arbeit erledigen kann, wenn die dafür notwendigen Dokumente öffentlich zugänglich sind.

ZEIT: Was erwarten Sie jetzt von den Ausstellungen in Bonn und Bern?

Lauder: Ich hoffe, dass die Besucher zwei Dinge verstehen werden. Erstens: Es geht hier nicht ums Geld. Es geht um moralische Verpflichtungen, die Museen und Sammlungen erfüllen müssen. Und zweitens: Der Fall Gurlitt und die Ausstellungen sind nur ein kleiner Teil des großen Ganzen. Es liegt noch viel Arbeit vor uns.