Seltsam, wie lange die Affäre ein nachtschwarzes Nichts umkreiste. Da wurden Bücher geschrieben, Filme gedreht, es gab Symposien, und unzählige Artikel erschienen, doch der tiefere Grund all der Erregung blieb unsichtbar, gut gehütet im Dunkel der Archive. Erst jetzt kommt die Kunst ans Licht, und endlich dürfen alle sehen, was manche als Nazi-Schatz bejubelten, als Milliardenfund priesen – und was nun, fast unweigerlich, die meisten enttäuschen dürfte.

Daran kann Max Beckmann nichts ändern, nicht Édouard Manet oder Giovanni Tiepolo, keiner der vielen großen Künstler, die von diesem Wochenende an mit ihren Werken in Bern und Bonn ausgestellt werden. Sie alle gehören zum geheimnisumwitterten Fundus der rund 1600 Bilder, der vor fünf Jahren bei Cornelius Gurlitt beschlagnahmt wurde und seither in Archiven lagerte. Sensationen sind keine darunter, dafür gibt es beachtliche Werke der französischen Moderne, eine herrlich verwunschene Waldszene von Camille Corot, ein kurioses Dorfmädchen mit Ziege von Gustave Courbet oder Henri Fantin-Latours geradezu tizianhaftes Morgenbild. Vor allem jedoch bestimmen Papierarbeiten aus dem deutschen Expressionismus, dieser Kraftlinien- und Bollerfarbenkunst, den Gurlitt-Nachlass, Werke von George Grosz, dem unterbewerteten Otto Griebel und auch der Gurlitt-Schwester Cornelia, die hier endlich ein großes Publikum findet.

Ansonsten zeigen die beiden Ausstellungen viele Bilder, die sicher gut über einer Barockkommode hingen, an einer weißen Wand aber verloren wirken. Die Sammlung ist in Wahrheit ein Sammelsurium, in dem es alte Familienstücke ebenso gibt wie die Restbestände eines Kunsthändlerlebens.

In Bern und Bonn werden die Gurlitt-Werke gleichwohl museumsgemäß aufgereiht, mit je anderen Schwerpunkten, doch unbedingt ordentlich sortiert, hier Berliner Sezession, dort Bauhaus, auch eine Abteilung Akte gibt es, Stillleben, Seestücke. Und immer ragen sägezahnspitze Stellwände hinein in die Ordnung und zeigen die historischen Hintergründe. Immer verlangt die Vergangenheit ihr Recht. Ästhetischer Genuss ist nicht vorgesehen.

Zu besichtigen ist ein Dilemma, aus dem die Kuratoren keinen Ausweg finden. Sie wollten den Bildern keine Gewalt antun, sie nicht haftbar machen für die Geschichte der Avantgarde und der Enteignung, in der sie eine so wichtige Rolle spielen. Doch diese Rolle auszublenden wäre ebenso absurd gewesen. Und so holen die Ausstellungen weit aus, erzählen von den Utopien der Avantgarde ebenso wie von Adolf Hitlers Museumsplänen, mischen Familien- mit Staats- mit Kunst- mit Rassengeschichte – und heraus kommt Konfusion. Eine, das muss man sagen, überaus anregende Konfusion.

In beiden Ausstellungen verschlingen sich die sonst straff gespannten Erzähllinien der Kunstgeschichte. Was sonst getrennt liegt, das Schöne und die Schuld, tritt auf als untrennbares Paar.

Das wahre Drama beginnt ja lange vor Cornelius Gurlitt, bei dem die Kunst konfisziert wurde. Das wahre Drama, von dem die Sammlung kündet, gründet in einer sehr deutschen Liebe zur Kultur, die weite Teile des Gurlitt-Clans schon im 19. Jahrhundert erfasste. Manche wurden Schriftsteller, andere Maler oder Musikwissenschaftler. Hildebrand Gurlitt, Vater von Cornelius, war Kunsthistoriker, Museumsdirektor und, von Bildung durchdrungen, im Feinsinn geschult, schließlich einer der gerissensten Kunsthändler Hitlers.

Dabei hatte Hildebrand, geprägt vom Ersten Weltkrieg, früh Partei für die linken Kräfte der Erneuerung ergriffen. Als Museumsleiter in Zwickau öffnet er sein Haus für die kämpferische Avantgarde der zwanziger Jahre, will die Arbeiter begeistern und versteht die Kunst "als Lock- und Fangmittel zu allem Geistigen". Bald wird er zum Feind der Rechten und muss gehen. In Hamburg ist es ähnlich, wieder ficht er für Experiment und Aufbruch – und wieder wird er abserviert. Gurlitt weigert sich, auf dem Kunstverein das Hakenkreuz zu flaggen.

Was er dann tut? Obwohl er fürchten muss, wegen seiner jüdischen Großmutter verfolgt zu werden, gründet er eine Kunsthandlung. Dort zeigt er viele große Künstler, so 1936 die letzte Beckmann-Schau in Deutschland, bevor dieser emigrieren muss. Nur wenig später jedoch findet Gurlitt nichts dabei, sich den Nazis anzudienen. Er, das Opfer, entlassen, verscheucht, wird zum Täter.

Viele Tausend Kunstwerke, die als "entartet" aus den Museen entfernt wurden, verkauft er ins Ausland. Und hilft so dabei mit, der Diktatur die nötigen Devisen für die Aufrüstung zu besorgen. Kurz darauf steigt er in Paris zum Großeinkäufer auf und ergattert Abertausende Werke für das geplante Führermuseum, auf Kosten jüdischer Sammler, die als Verfolgte ihre Sammlung loswerden müssen.