Wirklich interessant zu beobachten war doch vor allem, dass sämtliche Presseerzeugnisse mit großem Interesse und supergroßem Entsetzen über Sexismus und sexualisierte Gewalt gegen Frauen in bestimmten Branchen berichteten – nur über sich selbst, über die sogenannte Medienbranche, schrieben sie kaum. Sie schrieben über Schauspielerinnen in Amerika und schreckten auch vor der deutschen Schauspielbranche nicht zurück, wobei der Aspekt eine Rolle spielen dürfte, dass Schauspielerin plus irgendwas mit Sex erfahrungsgemäß spannend gefunden wird. Und so war das große Interesse natürlich auch durch einen Voyeurismus motiviert, der sich rechtschaffen nennen konnte. Es wurde also in bester Absicht berichtet von Studentinnen, Flugbegleiterinnen, Erzieherinnen, Verkäuferinnen und Mitarbeiterinnen der EU.

Die Redakteure dachten auch über Lösungsansätze nach: "Deshalb muss auch in Unternehmen über solche Situationen offen gesprochen werden" (Spiegel) beziehungsweise: "Twitter löst das Problem nicht. Über sexuelle Belästigung muss jenseits der virtuellen Räume geredet werden. Nur so entsteht ein Bewusstsein" (Süddeutsche Zeitung).

Das ist natürlich zutreffend, aber jene Sätze wirkten in ihrer Distanziertheit auch, als sei da in den vergangenen Wochen plötzlich ein sexistisches Raumschiff in unseren Timelines gelandet, das man akut versorgen musste, weil einem nichts anderes übrig blieb. Weil sein Inhalt schon auch speziell interessant war. Weil sein Inhalt wirklich ein Problem war, wie jeder Mensch, der bei Verstand ist, erkennen musste und wie danach auch viele Menschen ("Ich war ahnungslos", Spiegel Online) ein bisschen eilfertig bekundeten, nicht zuletzt weil es wohl das nächste große Ding sein würde, Sexismus und sexualisierte Gewalt zu verdammen.

Nun könnte man die letzten Sätze zynisch nennen, denn tatsächlich ist es ja nur wünschenswert, dass sich eine breite Öffentlichkeit (und mit ihr: Männer) von dem Thema sexualisierte Gewalt angesprochen fühlt. Und dennoch wirkten viele der #MeToo-Berichterstattungs-Sätze in ihrer pflichtschuldigen Aufsatzhaftigkeit so brav und eilfertig, dass man glauben musste, #MeToo sei eigentlich komplett überflüssig. Denn man war sich ja völlig einig. Schwer zu sagen, wo all die Menschen waren, die all die Frauen dazu veranlasst hatten, #MeToo ins Internet zu schreiben. In den Redaktionen waren sie jedenfalls sicher nicht.

Nur wenige Journalisten befassten sich mit ihrer eigenen Branche: Iris Radisch etwa berichtete in der ZEIT von ungeahndeten Anzüglichkeiten und Übergriffen durch Vorgesetzte in den sechziger und siebziger Jahren. Die Vergangenheitsbewältigung, schrieb sie, habe gerade erst begonnen, was ein bisschen so klang, als sei sie in vollem Gange und vor allem: als spielten Sexismus und sexualisierte Gewalt in der Medienbranche keine Rolle mehr.

Der Chefredakteur der Welt am Sonntag wiederum, Peter Huth, erzählte in einem Text, wie er eine Praktikantin aus dem Ressort, das er einst leitete, zum Essen einlud, weil er sie attraktiv fand. Die Praktikantin, so Huth, hätte damals denken können, dass sie sich auf ein "unheiliges Tauschgeschäft" einlassen müsse, um mit ihrer Karriere weiterzukommen. Der Artikel ist mutig und offen. Allerdings auch nur ein bisschen, denn die Geschichte geht gut aus. Huth hat die Praktikantin geheiratet und inzwischen Kinder mit ihr. Es ist zumindest fraglich, ob er den Artikel auch geschrieben hätte, wenn aus dem Dinner keine, na ja, heilige Verbindung geworden wäre. Denn man stellt sich doch der Liebe nicht in den Weg, selbst wenn sie aus der typischen und ziemlich gemeinen Konstellation machtvoller Mann und hübsche Praktikantin hervorgegangen ist (doch dazu später, I promise, es wird noch ein bisschen juicy).

Überall im Internet, diesem maximal unkonkreten Raum, gingen also plötzlich rote Lampen an. Ich auch, ich auch und ich übrigens auch. Man saß also dem Phänomen gegenüber und fragte sich: Haben wirklich so gut wie alle Frauen schon Sexismus oder sexualisierte Gewalt erlebt? Ich auch? Wo fängt Sexismus beziehungsweise sexualisierte Gewalt an? Werde ich angezeigt, wenn ich das noch nicht verstanden habe? Hat jemand meinetwegen #MeToo geschrieben, und wenn ja, was ist, wenn es rauskommt?