Dass Männer ihre Macht missbrauchen, um Frauen ins Bett zu kriegen, gehört zu den ältesten Geschichten der Menschheit. König David sah einst die schöne Batseba auf der Terrasse gegenüber und schickte ihren Mann an die Ostfront (heute Jordanien), wo er plangemäß fiel. Dafür wurde David schrecklich bestraft – mit dem Tod des Neugeborenen, das er mit Batseba gezeugt hatte. Allerdings war der Schuldbeweis gesichert, denn Gott sieht bekanntlich alles.

In den Zeiten von Harvey Weinstein und Genossen gerät aber schon die Anklage zum Schuldspruch, was bei aller gerechtfertigten Empörung an den Grundfesten der westlichen, zumal der angelsächsischen Rechtsprechung rüttelt. Die Errungenschaft firmiert unter dem Begriff due process, etwa "rechtsstaatliches Verfahren", das in gleich zwei Zusatzartikeln der US-Verfassung verankert ist. Jeder Angeklagte hat das Recht auf ein ordentliches Gerichtsverfahren. Erst dann darf er schuldig gesprochen werden, und zwar beyond reasonable doubt – über alle Zweifel erhaben.

Wo es aber um "sexuelle Belästigung" oder "feindselige Arbeitsumgebung" geht, kann von due process keine Rede sein. Greifen wir einen besonders lehrreichen Fall heraus. John Searle unterrichtet seit 58 Jahren in Berkeley (nebenbei hält ihn dieser Autor für den bedeutendsten analytischen Philosophen unserer Zeit). Der 84-Jährige soll seiner Assistentin auf den Po gepatscht und ihr das Arbeitsumfeld vermiest haben; sie fordert Genugtuung in Millionenhöhe.

Vor einem Gericht kann der Professor alle Rechte des Angeklagten ausschöpfen, nicht aber vor der Kommission der Universität. Die Anklägerin wird ihm nicht gegenübergestellt; sie darf nicht ins Kreuzverhör genommen werden. Aber das tut nichts mehr zur Sache, wurde das Urteil doch schon vor dem Schuldspruch verhängt. Der preisgekrönte Lehrer darf nicht mehr unterrichten und mit seinen Studenten reden. Sein Institut wurde geschlossen, die Direktorin verlor ihren Job. Die Universität Cambridge hat eine Tagung über Searles Lebenswerk abgesagt. Die Harvard University Press hat die Veröffentlichung seines jüngsten Buches gestoppt. Nach einer Viertelmillion Dollar für seine Anwälte ist Searle praktisch pleite. Sein Leben ist zerstört, bevor seine Schuld bewiesen worden ist.

In New York wurden gerade zwei Koryphäen des Kulturbetriebs ebenfalls geschasst. Ihre Karrieren sind vernichtet, obwohl noch kein Gericht entschieden hat. Der Verdacht ist die Verdammnis; das Strafmaß – die Ächtung – lautet auf lebenslänglich, ganz zu schweigen von den mörderischen Millionen-Forderungen. Verliert die Klägerin vor Gericht, hat sie nichts zu befürchten. Anders als in Deutschland leiden nur ihre unterlegenen Anwälte, arbeiten sie doch für ein Erfolgshonorar, das gewöhnlich ein Drittel der Beute ausmacht.

Es geht hier notabene nicht darum, irgendjemand reinzuwaschen, schon gar nicht in den New Yorker Fällen, wo viele Indizien gegen die Männer sprechen. Es geht um das heilige Prinzip des fairen Prozesses, wo der Angeklagte unschuldig bleibt bis zum Gegenbeweis – ob Grapscher oder Killer. Ganz schlicht: Die Anklage darf nicht zum Schuldspruch geraten. Allein die Bezichtigung hat drei Existenzen vernichtet. Ein verurteilter Mörder kommt in vielen Staaten der USA schon nach zehn Jahren frei.