Bei Homer hat die Rückkehr des Odysseus zu seiner Frau Penelope und in sein Inselkönigreich Ithaka die orgiastischen Züge eines Splattermovies. Selten wurde vor Tarantino Gewalt so drastisch ausgestellt; wie Odysseus scheinbar nur zum Spaß den berühmten Bogen spannt, dann tatsächlich zu schießen beginnt, und zwar auf die Freier, die während seiner Abwesenheit die Frau bedrängt und belagert, das Haus verwüstet und leer gefressen haben.

Er spannt und schießt, die Körper platzen, das Blut spritzt; die frechen Parasiten, die gedacht hatten, den Thron erobern zu können, indem sie die Witwe freien, werden, man kann es modern nicht anders sagen, brutal abgeknallt. Die nahezu dreitausend Jahre, die uns von der geschilderten Zeit trennen, können nicht verhindern, dass uns die rachsüchtige Antike recht heutig entgegenkommt.

Das kann man von der barocken Bearbeitung des Stoffes für Claudio Monteverdis Oper Il Ritorno d’Ulisse in Patria (eine der ersten Opern überhaupt) nicht sagen. In dem Libretto ist ein Höchstmaß an Zivilisierung erreicht, alle Vorgänge werden von geistvollen Sentenzen begleitet, distanziert und entgiftet.

Dazu trägt die Musik bei, die weitgehend im deklamatorischen Rezitativ verharrt und sich nicht in Arien aussingt. Bei Monteverdi werden noch keine ausgreifenden Melodien der Einfühlung gespannt, sondern knappe, apodiktische Kadenzen komponiert. Man könnte fast sagen, die Tonspur enthält nur den Kommentar zu einem Geschehen, das sich weitgehend im Off und im Kopf des Zuschauers abspielt.

Und um welches Geschehen handelt es sich? Hier steht nicht mehr Odysseus’ Rache im Zentrum. Es dreht sich alles um Penelope; und ihr Problem sind nicht so sehr die Freier, sondern dass sie an die Liebe nicht mehr glauben mag, die durch das zwanzigjährige Verschwinden ihres Gatten gelitten hat. Vielleicht ist er ja absichtlich abgetaucht? Penelope will sich auf nichts mehr einlassen, sie traut nicht einmal der Identität des plötzlich Wiederaufgetauchten. Es könnte ja ein neuer Schwindel zu ihrer Qual sein.