Am 9. November 1967 kam es im Audimax der Universität Hamburg zu einem historischen Moment: Studenten entrollten bei einer Feier das Banner "Unter den Talaren Muff von 1.000 Jahren". Die Bilder wurden zu einem Symbol der aufkommenden Studentenbewegung. Mitgeplant hat die Aktion der damalige Asta-Vorsitzende Norbert Jankowski. Er arbeitete später als Referent für mehrere Vizepräsidenten der Uni und reformierte im Auftrag der Stadt die Strukturen an Hamburger Krankenhäusern. Heute ist er 71 Jahre alt und erinnert sich an diesen Tag im Hörsaal, der Geschichte schrieb.

Der Frust

Die sechziger Jahre waren eine Wahnsinnszeit in Deutschland. An der Uni gab es aber viel weniger Aufbruchstimmung, als es heute im Rückblick beschrieben wird. Ich habe seit 1965 Politische Wissenschaften, Soziologie und Volkswirtschaft studiert. Damals stiegen die Studentenzahlen massiv, das führte zu Problemen: zu wenig Lehrpersonal, überfüllte Seminare, es fehlten Prüfungsrichtlinien, in manchen Fächern entschieden die Professoren für die Studenten nicht nachvollziehbar, wer den Abschluss machte und wie. In den Politischen Wissenschaften konnte man in Hamburg sogar nur einen Abschluss machen, wenn man einen Doktor in Philosophie anstrebte, ansonsten endete das Studium im Nichts. Es gab vielfach keine klaren Prüfungsrichtlinien, besonders in neueren Fächern unterlagen Inhalte und Prüfungen der Willkür der Professoren.

Die Professoren hätten alles gern so gelassen, wie es war. Sie wollten in Zwischenprüfungen die Studenten rausschmeißen, die sie aus ihrer Sicht zu viel hatten aufnehmen müssen. Sie versuchten erst gar nicht, mit den Studenten klarzukommen: keine Diskussion, keine Fragen, klassischer Frontalunterricht. Die jungen Professoren waren so konservativ wie die alten. Das Heiligtum der Professoren waren ihre Talare, zu Feierlichkeiten wurden sie aus alten Schränken geholt. Sie waren schwarz mit weißer Halskrause und unterschieden sich je nach Fakultät in der Farbe ihres Samtbesatzes. Der Rektor trug dazu noch eine schwere Amtskette, so was sieht man heute nur noch beim Karnevalsverein.

Damals gab es sehr aktive Studentenvertreter. Für das Studentenparlament lag die Wahlbeteiligung zwischen 45 und 52 Prozent – jedes Semester! Heute liegt die Wahlbeteiligung bei etwa zehn Prozent. Im Juli 1967 wurde ich zusammen mit meinem Kommilitonen Björn Pätzoldt zum Asta-Vorsitzenden gewählt. Um uns herum gab es eine verschworene Gruppe von fünf bis zehn Leuten: ganz Linke, Katholiken, Sozialdemokraten und Konservative. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Wir wollten die Sorgen der Studenten sammeln und öffentlich machen.

Das Studentenparlament hatte wenig Einfluss, es war blass. Es ging dort ums Mensaessen, weniger um Hochschulpolitik. Uns erreichten aber immer mehr Beschwerden. Damals wurden viel mehr Studenten zugelassen, als in die Seminare passten, viel mehr, als die Professoren tatsächlich unterrichten und prüfen konnten.

Unser Eindruck war: Es ging der Universität wesentlich schlechter, als sie behauptete.

Doch von Problemen wollten die Professoren nichts wissen. Sie schusterten sich in den Gremien gegenseitig Ämter zu, alle ein bis zwei Jahre wurde in einem undurchsichtigen Verfahren einer von ihnen zum Rektor gewählt. Wir wollten das ändern. Wir wollten, dass endlich jemand Kompetentes die Universität leitet.

Die Idee

Wir haben uns gefragt: Was können wir machen, damit sich etwas bewegt? Beginn und zugleich Höhepunkt des akademischen Jahres war damals die Feier des Rektorwechsels Anfang November. Sie fand im voll besetzten Audimax statt – im Kreis der Honoratioren aus Stadt und Universität. Nur wenige Studenten durften dabei sein, sie mussten stellvertretend für ihre Kommilitonen einen Eid ablegen, dass sie sich anständig benehmen und lernen würden. Das fanden wir nicht witzig. Wir beschlossen, die Feier zu stören, um Aufmerksamkeit für unsere Sache zu schaffen.

Wir begannen etwa zwei Wochen vorher damit, Fakten über die Studienbedingungen zu sammeln, die wir als Asta-Chefs dort vortragen wollten. Die Planung war gar nicht so privat, wie das jetzt nachträglich manchmal geschildert wird. Die meisten Informationen über Probleme kamen aus den aktiven Fachschaften. Wir haben lange darüber gesprochen, im Asta und in den Studentenverbänden, auch in den Ausschusssitzungen der SPD. Wir haben Flugblätter verteilt, um für Anwesenheit im Audimax zu sorgen. Darauf stand: "Die Studenten wollen eine öffentliche Diskussion der ungelösten Probleme der Universität. Der Asta wird einer Diskussion nicht ausweichen – wie werden sich die Professoren verhalten?"