"Wir sind wie das Geld auf dem Tisch, zwischen zwei Verrückten, die gegeneinander spielen", sagt einer der populärsten Fernsehstars des Landes. Die beiden verrückten Spieler sind Nordkoreas Diktator Kim Jong Un und US-Präsident Donald Trump. Das Geld, "wir" – das ist Südkorea, das zwischen den beiden unheimlichen Akteuren eingeklemmt und zur Passivität verdammt ist. Die demokratische, westlich orientierte Hälfte des geteilten Koreas, die zum Schlachtfeld eines Krieges zwischen einem atomwaffenhungrigen Schurkenstaat und der stärksten Militärmacht der Welt werden könnte.

In der kommenden Woche besucht Trump dieses Südkorea. Er wird sich mit dem linksliberalen Präsidenten Moon treffen (kein Trump-Freund, anders als Japans rechtsliberaler Premier Shinzo Abe), er wird vor dem Parlament sprechen und vielleicht die entmilitarisierte Zone besuchen, wo sich Nord und Süd in einer gespenstischen Feindschaftskulisse gegenüberstehen, mit der verglichen die Berliner Mauer geradezu normal wirkte. In Südkorea sind fast 30.000 US-Soldaten stationiert, der Kalte Krieg ist hier nie zu Ende gegangen. Die Vereinigten Staaten spielen seit Jahrzehnten eine überragende Rolle im Land – als Schutzmacht, die den Süden im Koreakrieg von 1950 bis 1953 vor einer Invasion aus dem kommunistischen Norden gerettet hat, aber auch als kulturelles Modell, als Symbol der Moderne, als Wunschziel für Bildung und Karriere. Baseball ist ein nationaler Lieblingssport, Schüler lernen in Nachmittags- und Abendkursen unter Hochdruck Englisch, rund 80.000 junge Südkoreaner studieren in den USA; noch mehr Auslandsstudenten als sie stellen in den Vereinigten Staaten nur die Riesenländer China und Indien.

Was bedeutet Amerika heute, im Zeichen von Trump und der neuen Nuklearkrise, für Südkorea? Ist die Schutz- und Vorbildmacht selbst zur Gefahr geworden? Wie lebt man im Schatten einer so existenziellen Abhängigkeit?

Der TV-Entertainer Kim Jae Dong macht sich wenige Tage vor Trumps Besuch über die Ohnmacht Südkoreas Gedanken. Wir sitzen in einem halb privaten Kellerraum in einem Café, in der Nähe seines Hauses, das in einem hügeligen, ruhigen, wohlhabenden Wohnviertel der Hauptstadt Seoul steht. Eine enorme Spiderman-Skulptur dekoriert die Wand, in kauernder Haltung, als wolle sie gleich ins Zimmer springen – noch ein Zeugnis der kraftvollen Präsenz der amerikanischen Populärkultur.

Kim, ein schmaler, fast hagerer Mann mit etwas leidenden Gesichtszügen, ist ein Stand-up-Comedian, aber auch eine moralische Instanz, ein medialer Beichtvater: In seiner Fernsehshow melden sich die Zuschauer zu Wort und reden über ihre Lebensprobleme. Als wir später das Lokal verlassen, entdeckt ihn ein Dutzend älterer Damen und erkennt ihn sofort. Wie eine Gruppe von Schulmädchen umschwärmen sie Kim mit aufgeregtem Gekicher und zwingen dem leicht genervten Prominenten ein Gruppenfoto ab.

Kim Jae Dong hat in seiner Sendung gegen das Raketenabwehrsystem THAAD ("Terminal High Altitude Area Defense") Stellung bezogen, das die USA in Abstimmung mit der Regierung in Seoul in Südkorea installieren. Die Reaktionen aus Publikum und Öffentlichkeit, berichtet er, waren ziemlich gleichmäßig geteilt: eine Hälfte zustimmend, die andere ablehnend. THAAD soll gegen nordkoreanische Angriffe schützen, aber es wird auch von den Chinesen als feindseliger Akt empfunden. Das System ist zum Schlüsselthema in den Debatten über Verteidigung, Entspannung und das Verhältnis zu den Amerikanern geworden.

Kim leugnet die Gefahr aus dem Norden nicht, aber er sieht die ganze Koreanische Halbinsel in einem Hass- und Angstsyndrom gefangen, das politisch geschürt werde und aus dem man ausbrechen müsse, um eine Katastrophe zu vermeiden. "Ich bin 43 Jahre alt", sagt er ernst, "ich habe keine Familie, ich lebe allein in meinem Haus, ich kann meinetwegen im Krieg sterben – aber wir müssen an die Kinder denken."

Doch da ist noch etwas, und es hat mit nationaler Souveränität zu tun. "Dies ist unser Land", erklärt er pointiert. "Unser Volk, unsere Bürger müssen die Entscheidung über unser Schicksal haben" – nicht eine auswärtige Macht, und sei sie ein noch so enger Verbündeter. Es gibt in der südkoreanischen Linken ein starkes Empfinden von Fremdbestimmung, von Entmündigung durch die Vereinigten Staaten. Nicht Trump ist das eigentliche Problem, nicht die mögliche Verrücktheit des amerikanischen Spielers am Tisch, auf dem die Korea-Partie ausgetragen wird. Das Problem ist dieses Gefühl, selbst der Einsatz zu sein, eben das Geld.

Es ist allerdings nicht das einzige Gefühl in der Beziehung zwischen Südkorea und Amerika. Vor der US-Botschaft in Seoul kann man in diesen Tagen vor dem Trump-Besuch ein Plakat sehen, das den Präsidenten in einer Nazi-Uniform zeigt. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite hält ein Demonstrant die südkoreanische und die amerikanische Flagge zusammen hoch, als Geste der Bündnistreue und Dankbarkeit. Die nationale Seelenlage ist kompliziert.

Hayeon, 22-jährige Studentin einer christlichen Privatuniversität, die später einmal Missionarin in Malaysia werden möchte, erzählt von ihrem Auslandsaufenthalt in den Vereinigten Staaten. In ihrer dortigen Kirche wurde heftig über die Lesben- und Schwulenehe debattiert, und das wirkte auf Hayeon erst einmal schockierend. In ihrem konservativen christlichen Milieu in Südkorea wäre das Thema tabu gewesen. Für ihre amerikanischen Glaubensbrüder dagegen war es eine offene Frage, kontrovers debattiert, und nicht wenige plädierten dafür, dass die Kirche gleichgeschlechtliche Paare nicht anders bewerten solle als heterosexuelle. Je länger sie sich damit befasste, desto mehr hielt Hayeon es am Ende für eine gute Sache, sogar ein Vorbild für Korea.