In einem Büro sitzen um einen Tisch: eine Jugendpsychotherapeutin, eine Dolmetscherin, ein Betreuer und Tariq aus Afghanistan. Er ist 16 Jahre alt, trägt Sportschuhe, Jeanshemd, darüber eine Jacke, in der er sitzt, als sei sie ein Kokon. Eigentlich sitzt er auch nicht, sein Körper scheint sich eher stromlinienförmig dem Gerippe des Stuhls anzupassen, sein Blick ist nach innen gerichtet. Sobald ihn die Psychotherapeutin anspricht, schaut er auf, etwas wacher. Er bemüht sich um eine klare Antwort in einer Sprache, die er noch nicht lange spricht.

Psychotherapeutin: Warum bist du hier?
Tariq: Bei mir ist das Einschlafen schwierig. Und ich mache mir viele Gedanken.
Seit wann?
Sechs bis sieben Monate.
Seit wann bist du in Hamburg?
Seit eineinhalb Jahren.
War es erst gut mit dem Einschlafen, dann schwierig?
Ja.
Wie lange dauert es?
Drei Stunden.
Kannst du trotzdem zur Schule gehen?
Der Betreuer weckt mich.
Wie ist deine Stimmung dann?
Die ersten Stunden in der Schule gehen gut, in der vierten Stunde werde ich müde, so müde, dass ich oft früher gehen muss.
Du sagst, du machst dir viele Gedanken. Kannst du mir grob erzählen, worum es geht?
Es sind Gedanken an meine Vergangenheit.
Was machst du, wenn die Gedanken kommen?
Ich fühle mich wohler, wenn ich es nicht erzähle, ich will andere nicht belästigen.
Wie fühlst du dich, wenn du mit den Gedanken allein bleibst?
Da ist Traurigkeit.
Kennst du das Gefühl, dass du dann manchmal gar nicht mehr leben willst?
Ich versuche mich aufzumuntern. Es gibt wieder bessere Phasen.
Kennst du das, dass sich Gedanken nur im Kopf drehen ?
Ja, das ist so.
Ich frage das, weil es manchmal so ist, dass der Kopf nicht zur Ruhe kommt. Wenn man Schlimmes erlebt hat, braucht es Zeit, bis es sortiert ist. Der Kopf braucht manchmal lange dafür und manchmal auch Hilfe.

Es ist kaum eine Regung in Tariqs Gesicht zu sehen. Keine Gesten, kein weiteres Wort, nur die Ahnung einer verborgenen Geschichte. Ein paar Minuten später verabschiedet er sich aus diesem Kennenlerngespräch mit einem Händedruck, der ebenso schwach ist wie bei der Begrüßung. Er tritt heraus aus dem Büro und steht im Erdgeschoss eines Gebäudes mit zwei Stockwerken, das sehr aufgeräumt wirkt. Ein Empfang, geschlossene Türen, gedeckte Farben. Es ist still, als bliebe diesem Ort nur eines: zu schweigen.

Flüchtlingsambulanz heißt der Ort, er liegt auf dem Gelände des Universitätsklinikums Eppendorf. Mit Blaulicht, ausgekugelter Schulter, Schnittwunden und Fahrradunfällen hat sie nichts zu tun. Aber mit Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen, Albträumen, Flashbacks, Ängsten, Depressionen. Mit Menschen wie Tariq, die meist nicht älter sind als 18, höchstens 21 und geflohen, aus Afghanistan, Somalia, Syrien.

Flüchtling allein, sagt Areej Zindler, die ärztliche Leiterin der Flüchtlingsambulanz, ist keine Diagnose. Es kommt oft vor, dass sie Anrufer hat, Betreuer meist, die jemanden bei ihr anmelden wollen, und der erste Satz, den sie am Telefon sagen, ist: Er ist geflüchtet. Aber was hat er denn?, fragt sie. Antwort: Na, er ist geflüchtet, er hat die Familie verlassen, er ist traurig. Aber nicht jeder, sagt Zindler, der geflüchtet ist und traurig, muss hierher. Stellen Sie sich doch mal vor, er wäre geflüchtet, hätte seine Familie verloren und wäre fröhlich. Am Telefon fragt Zindler dann: Schläft er? Geht er zur Schule? Nimmt er Drogen? Wirkt er depressiv?

Es sind Betreuer, die Angst haben vor der Macht einer Geschichte, die sich in einem Körper eingenistet hat; Angst vor dem Unkontrollierten, dem Ausbruch des Angestauten. Und die Frage ist ja essenziell: Wann ist jemand, der viel Schlimmes, Unsagbares erlebt hat, krank? Wann braucht jemand Hilfe, dessen Lebensstränge so durcheinandergewirbelt sind, dass unklar ist, wie sie zusammengehören? Wann braucht es einen aufgeräumten Ort wie diesen, um zu sortieren?

Im Büro von Areej Zindler hängen Fotos, die Patienten in der Kunsttherapie gemacht haben. Auf einem sind drei Menschen zu sehen, drei Schatten. Titel: Egal was kommt, wir bleiben zusammen. Auf einem anderen liegt im Gras ein Turnbeutel, darauf hat jemand geschrieben: Looking for h, der Rest des Wortes ist von Gras bedeckt. H: hope – healing – happiness? Titel: Suche nach Glück.

Am besten fängt man bei Areej Zindler an, um eine Ahnung zu bekommen, was diese Wörter bedeuten: Hoffnung, Heilung. Um zu verstehen, was es bedeutet, ein Land zu verlassen – und doch nicht zu verlassen. Zindler ist nicht in Deutschland geboren, was man schnell vermutet: dunkle Haare, dunkle Augen. Vielleicht sorgt ihr Aussehen bei den Patienten für Identifikation, ihre genaue Herkunft verrät sie ihnen eigentlich nicht. Es geht ja um deren Geschichte, nicht um ihre. Zindlers Familie stammt aus dem Westjordanland, sie wohnte auf dem Dorf; um zu lernen, ging sie in die Stadt, nach Nablus.

Areej Zindler: "Ich erinnere mich an den Tag, als ich in dem Nachhilfeinstitut war, oberes Stockwerk. Plötzlich begannen Sirenen, Steine wurden geschmissen, Gasbomben, Tränengas. Ich sehe noch das Zimmer vor mir, in dem ich war, höre die Geräusche, rieche das Gas. Ich hatte Angst, atmete sehr schnell. Als ich kurze Zeit später nach Deutschland kam, stand ich an einer Ampel, in der Ferne Sirenen, ich spürte mein Herz rasen. Ich blieb stehen, konnte mich nicht mehr bewegen. Ich musste lernen, Sirenen zu ertragen. Ich sagte mir: Entspann dich, es ist nichts, keine Gefahr. Noch immer passiert das. Eine Sirene, und ich bin wieder in der Situation. Es irritiert mich aber nicht mehr so, ein paar Sekunden nur, dann ist es weg. 25 Jahre lebe ich nun hier.

Viele, die heute nach Deutschland kommen, haben schlimmere Traumata, sie haben entmenschlichende Szenen erlebt, das hinterlässt viele Wunden. In Deutschland gibt es einfache Auslöser: Wasser zum Beispiel. Ich hatte einen Patienten, der saß mehrere Tage lang im Boot auf dem offenen Meer, der Motor war kaputtgegangen, sie trieben dahin und warteten auf Hilfe. Es regnete. Nun ist er seit Monaten in Sicherheit, kann aber nicht duschen. Das schafft er nicht. Wenn Wasser von oben kommt, ist er wieder auf dem Boot, mitten auf dem Meer, mit all seiner Angst. Andere können keine Tomatensauce sehen, sie erinnert an Blut. Ein Patient aus Somalia, der in Libyen traumatisiert wurde, konnte kein Arabisch hören – nachdem er mich Arabisch sprechen gehört hatte, erschien er nicht mehr.