Wer sich ein Bild machen will von den Erfolgen der Leipziger Journalisten-Ausbildung, kann donnerstagabends das ZDF einschalten. Dann, wenn eine der bekanntesten Journalistinnen des Landes in ihrer Talkshow die politische Lage einordnet. Maybrit Illner, in Ostberlin geboren, hat ihr Handwerk in Leipzig gelernt, an der "Sektion Journalistik" der damaligen Karl-Marx-Uni. Wie auch andere mit großem Namen: Spiegel-Reporter Alexander Osang etwa. Oder, nach 1990 – dann schon ohne Karl Marx im Uni-Namen und ohne ideologische Schulungen im Lehrplan –, der heutige taz- Chefredakteur Georg Löwisch und der Welt-Journalist Robin Alexander, Autor des Spiegel-Bestsellers Die Getriebenen. Insbesondere in der Nachwendezeit stand die Leipziger Journalistik, zu DDR-Zeiten aufgrund ihrer Systemnähe noch als "Rotes Kloster" verspottet, für erstklassige Ausbildung. Nicht wenige Chefredakteure stellten fest, dass "die Leipziger" was können. Und manche dieser Leipziger, siehe Löwisch, wurden selber Chefs.

Doch in den vergangenen Jahren, und noch mehr in den vergangenen Monaten, setzte ein beispielloser Niedergang des Studiengangs ein. Ein Niedergang, der vor allem die Folge interner Querelen, unschöner Machtspiele, falscher Entscheidungen ist. Der am Ende fast das Ende der ruhmreichen Ausbildung bedeutet hätte. Auf dem Tiefpunkt, im April 2017, attestierten Studenten der Journalistik in der offiziellen Evaluation offenbar derart desaströse Zustände, und waren die Bewerberzahlen so stark eingebrochen, dass die Uni sich zu einem drastischen Schritt durchrang: Sie verhängte einen Immatrikulations-Stopp für den Studiengang. Eine Reformkommission sollte Konzepte erarbeiten, nach denen der Studiengang, in abgespeckter Weise, fortgeführt werden könnte. Zwar sieht es inzwischen so aus, als werde er nicht dichtgemacht. Aber die Frage ist, was übrig bleiben wird.

"Die alte Leipziger Journalistik, mein Lebenswerk, ist zerrüttet!", ruft Michael Haller ins Telefon. Der emeritierte Journalistik-Professor steht irgendwo in den Alpen und ist wütend. Niemand kann so gut wie er erzählen, wie dieser Studiengang aufstieg und niederging im Verlauf von nur 25 Jahren. Drei Jahre nach der Wiedervereinigung, 1993, war es der frühere ZEIT-Journalist Haller, der Leipzigs Journalistik, in den Wendewirren zunächst stillgelegt, in die demokratische Gesellschaft überführte. Er wollte, dass eine junge Journalisten-Generation Ost ihren Erfahrungen Ausdruck verleihen kann. Dass nicht nur die Westsicht auf die Geschichte sich in den Medien wiederfindet.

Die ersten Jahre waren für Haller wohl die besten. Sein Rezept: Er ließ Studenten in langen Volontariaten auf Redaktionen los, wo sie Profis auf die Finger gucken sollten. Daheim in Leipzig dozierte er, der Prof, was die Schreiberei theoretisch zu bedeuten habe. Damals hätten die Studenten "zwischen Praxis und Studium im Prinzip selbstständig reflektieren" können, sagt er.

Dann ging es los mit den Problemen. Sie kamen in drei Schüben. Erstens mit Bologna. Zweitens mit dem Aufstieg der PR. Drittens mit einem neuen Professor, der, vorsichtig formuliert, umstritten ist; über dessen Verantwortung zu debattieren sein wird.

Problem eins also: 1999, zeitgleich mit den Bologna-Reformen, habe es der Universität nicht mehr genügt, tolle Redakteure zu produzieren, so Haller. Sie wollte nun in Fachzeitschriften zitiert werden und in Rankings gelistet sein. Das geht nur mit Forschung. Plötzlich stellten einige die Frage, ob eine Uni eine Ausbildung für einen Beruf wie den des Journalisten überhaupt noch anbieten sollte.

Aber das wäre noch nicht so schlimm gewesen, wenn nicht ein Kampf, den der Journalismus auch außerhalb der Uni, im echten Leben, zu führen hat – wenn dieser Kampf nicht ebenso an der Hochschule virulent geworden wäre: Problem zwei für die Journalisten-Ausbildung hielt Mitte der Neunziger unter dem Namen "Communication Management" Einzug. Eine neue, lukrative Abteilung – am gleichen Institut, an dem auch die Journalistik angesiedelt ist; dem Institut für Kommunikationswissenschaft. Die PR hatte von Beginn an einen viel festeren Stand als die Journalistik. Etwa weil sie es leichter hat, an Drittmittel zu kommen. Weil sie in Rankings brillant abschnitt. Weil sie bei jeder Besetzung einer neuen Professur bessere Argumente hatte. Für Haller bedeutete der Angriff der PR "eine Ungeheuerlichkeit". Personell ist die PR heute tatsächlich besser ausgestattet, hat zum Beispiel zwei Vollzeit-Professuren – die Journalistik hat nur noch einen Professor.