Der Papst schickte Glückwünsche zum Reformationstag. Er findet, wir verstehen uns jetzt besser – wir: die einst blutig verfeindeten Konfliktparteien der römischen Katholiken und der deutschen Protestanten. Er findet auch, dass die Deutschen das Reformationsjahr auf lobenswerte Weise feierten: im Miteinander der christlichen Konfessionen. Und deshalb hat der Papst sich bei allen Beteiligten bedankt, indem er sagte: "Wir gehen anders in die Zukunft!"

Anders, verändert, verwandelt, versöhnt, reformiert, revolutioniert? Was genau, kann sich jeder selbst aussuchen, denn Franziskus spricht gern deutungsoffen. Unmissverständlich aber war, dass er sich die Christen künftig nicht anders als einig denken kann.

Luther, findet dieser Papst, war kein Häretiker, sondern ein Lehrer im Glauben

Damit stärkt der Argentinier zwei Deutschen den Rücken: dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Marx, und dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm. Die Bischöfe hatten sich im Reformationsjahr angefreundet und dies auch symbolisch zelebriert. Doch das gefiel in Deutschland nicht allen. Manche Katholiken fürchteten die Verwässerung ihrer Lehre, manche Protestanten die Dogmatisierung durch eine "Rückkehr-Ökumene".

Solche Luxusprobleme hat der Papst nicht. Wer als Christ an Langeweile leidet, sollte sich jetzt mit Franziskus solidarisieren (zum Beispiel auf dem Portal www.pro-pope-francis.com), dann wird er merken, dass der alte Hass aus der Lutherzeit noch lebendig ist: Der Reformpapst gilt bei seinen katholischen Gegnern als Häretiker. Erst haben sie nur getuschelt, dass er Irrlehren verbreite. Dann schickten sie ihm eine Liste von Dubia (Zweifeln) zu seiner päpstlichen Schrift Amoris Laetitia (Freude der Liebe). Ein paar ganz Glaubensfeste zeigten Franziskus sogar bei der Glaubenskongregation an. Andere druckten anonyme Plakate. Und als auch das nichts half, weil der Papst die Reaktionäre ignorierte, sammelten sie Unterschriften gegen seinen Reformkurs. Mittlerweile sagen es gewisse Kardinäle, Erzbischöfe, Beton-Theologen in Rom laut und zu jedem Journalisten, der ihnen über den Weg läuft, wobei sie Krokodilstränen um ihre Kirche vergießen: Dieser Papst ist ein Häretiker!

Was war noch mal Häresie? Ach ja, jener Maximalvorwurf, den der Heilige Stuhl vor 500 Jahren auch gegen Martin Luther feuerte. Als der Wittenberger nicht einknickte, sondern weiter gegen den "Papstesel" pestete, wurde er exkommuniziert – als Ketzer aus der Kirche verstoßen. Es folgte die Kirchenspaltung. Das sollte man sich klarmachen, wenn man das Lob des Papstes für das Land der Reformation würdigen will. Franziskus muss ja nicht nur mit dem katholischen Kirchenvolk auskommen, das ihm zujubelt. Nicht nur mit den Vorwärtskardinälen aus Asien und Lateinamerika, sondern auch mit den Rückwärtsklerikern aus Afrika und Nordamerika.

Und Franziskus? Intern bleibt er gelassen. Die ihn gut kennen, sagen: Er ist völlig im Frieden, ohne Nervosität, was die Attacken betrifft. Und die seien ja auch mehr als dumm. Apropos Attacke: Seinen härtesten Angreifer, Kardinal Sarah, hat Bergoglio gerade öffentlich gemaßregelt. Und in der Hauszeitschrift der Jesuiten, La Civiltà Cattolica, würdigte ein Ordensbruder des Jesuitenpapstes soeben theologisch die Reformation. Päpstlicher Klartext: Luther war kein Häretiker, sondern ein Lehrer im Glauben. Und es geht in der katholischen Kirche heute nicht mehr um Rechthabereien, nicht zuerst um die Lehre, sondern um die Liebe zu den Menschen.

Das hält die Ewiggestrigen nicht ab, den alten Vorwurf der Häresie weiter zu erheben. Aber es dürfte sie ärgern, dass am deutschen Reformationstag der Chef der Protestanten, Bedford-Strohm, dem Papst zurief: "Lieber Papst Franziskus, Bruder in Christus, wir danken Gott von Herzen für dein Zeugnis der Liebe und Barmherzigkeit, das auch für uns Protestanten ein Zeugnis für Christus ist. Wir danken für deine Zeichen der Versöhnung zwischen den Kirchen. Und wann immer du einmal hierher nach Wittenberg kommst, dann werden wir dich ein halbes Jahrtausend nach der Verbrennung der Bannbulle von ganzem Herzen willkommen heißen!" Das war fast so schön wie Shakehands mit dem Papst vor der Thesentür in Wittenberg.

Ein Teil dieser Tür ist jetzt übrigens auf einer Vatikan-Briefmarke zu sehen, die der Papst pünktlich zum Reformationstag drucken ließ. Nettes Geschenk. Na dann – Häretiker unter sich!

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