Kurz vor der Bundestagswahl, an einem Donnerstag Ende August, braust Achim Steiner in einer schwarzen Limousine zum Bundeskanzleramt. Er trägt einen schwarzen Anzug, schwarze, schnürbandlose Schuhe, ein weißes Hemd und eine randlose Brille. Alles an ihm wirkt dezent, zurückhaltend, auf das Wesentliche reduziert. Er hat nur eine dünne Mappe dabei. Auf ihr steht: "Mission to Berlin".

Steiner ist der ranghöchste Deutsche im Apparat der Vereinten Nationen. Seit Juni dieses Jahres ist er Chef des UN-Entwicklungsprogramms, das in 170 Ländern der Welt Armut und Krisen bekämpft und über ein Budget von knapp fünf Milliarden Dollar verfügt. Steiner setzte sich in der Endauswahl für den Job unter anderem gegen die frühere französische Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal durch. Auf dem internationalen Parkett ist er seit vielen Jahren einer der angesehensten Deutschen.

Nach Berlin ist Steiner an diesem Augusttag dennoch vor allem als Bittsteller gekommen. Die USA unter Donald Trump haben angekündigt, künftig weniger Geld für die Entwicklungsarbeit ausgeben zu wollen. Nun fürchtet Steiner, dass auch andere Länder sich zurückziehen könnten, dass das finanzielle Fundament seiner Arbeit zu bröckeln beginnt. Steiner braucht Deutschland, einen der wichtigsten Geldgeber, um das zu verhindern.

Im Kanzleramt geht es mit dem Fahrstuhl in den vierten Stock, ins Büro von Christoph Heusgen. Die beiden Männer nehmen auf schwarzen Ledersesseln Platz, durch deckenhohe Scheiben blickt man in den Innenhof des Kanzleramts. Heusgen ist zu diesem Zeitpunkt noch Leiter der außenpolitischen Abteilung, gilt als einer von Angela Merkels engsten Beratern. Zuletzt sollte er für sie Kontakte in die Trump-Regierung knüpfen. Für Steiner ist Heusgen ein Glücksfall. Nach der Bundestagswahl, das steht Ende August bereits fest, wird er als Ständiger Vertreter Deutschlands bei den Vereinten Nationen nach New York gehen. Er hat also nicht nur Zugang zur deutschen Kanzlerin. Die UN liegen ihm auch am Herzen.

Zunächst plaudern Steiner und Heusgen über die Pleite von Air Berlin. Dann kommt Steiner zur Sache. "Wie", fragt er, "kann ich dazu beitragen, dass Deutschland nach der Wahl eine wohlwollende Politik gegenüber den UN verfolgt?" Steiner ist gut darin, sein Anliegen so zu formulieren, dass sein Gegenüber sich nicht benutzt, sondern eingebunden fühlt. Statt Forderungen zu erheben, stellt er Fragen. Dann hört er zu, fixiert sein Gegenüber mit großen grünen Augen, aus denen Interesse und Neugier sprechen. Steiner, das ist Teil seines Jobs, muss Menschen wie Heusgen für sich gewinnen. Die Vereinten Nationen sind zwar die höchste moralische und politische Instanz der Weltgemeinschaft. Zugleich aber sind sie vom Wohlwollen ihrer Mitgliedsländer abhängig. Rund 260 Millionen Euro steuerte Deutschland 2016 zum Etat des UN-Entwicklungsprogramms bei. Nur Japan und die USA gaben mehr.

Wie aber wird sich die neue Bundesregierung positionieren? Vor allem die FDP ist für Steiner schwer einzuschätzen. Unter Guido Westerwelle wollte sie das Entwicklungshilfeministerium am liebsten abschaffen. Mittlerweile aber, sagt Heusgen, gebe es in der Partei keine "ideologische Vorfestlegung" mehr. Er sagt: "Die können wir beeinflussen." Heusgen warnt aber auch, dass es nicht so rüberkommen dürfe, als ob Deutschland in die Bresche springen muss, weil die USA unter Trump sich zurückziehen: "Das hat immer auch etwas mit Optik zu tun." Das Gespräch dauert eine Dreiviertelstunde. Dann geht es mit der Limousine weiter ins Außenministerium.

Aufgewachsen ist Steiner die ersten zehn Jahre seines Lebens in Brasilien. Seine Eltern waren Landwirte, der Vater arbeitete für eine Saatgutfirma. Die schickte ihn nach Rio Grande do Sul, einem Bundesstaat am südlichen Zipfel des Landes. Dort, auf einer 2000 Hektar großen Farm, züchtete der Vater neue Gerstensorten. In der Schule sang Steiner zu gehisster Flagge die brasilianische Nationalhymne. Auf der Farm ritt er mit einem eigenen Pony namens Sascha über die Felder. Der Strom auf der Farm wurde mit einem Generator erzeugt. Abends um zehn wurde er abgestellt. Dann war es stockdunkel. Fragt man Steiner, was er aus der Zeit in Brasilien mitgenommen hat, sagt er: "Eine gewisse Entspanntheit. Und das Grundvertrauen, in die Welt auszuziehen."