Gerade ist er der gefragteste deutsche Krimiautor: Volker Kutscher, 54, war früher Lokaljournalist im Bergischen Land. Dann erfand er den Kommissar Gereon Rath – einen jungen Polizisten und Kriegsveteranen, der im Berlin der späten Weimarer Republik seine Fälle lösen muss, zwischen politischen Unruhen, Weltgeschichte und kriminellen Machenschaften. Der Regisseur Tom Tykwer hat aus dem ersten Rath-Roman gerade die teuerste deutsche Serie aller Zeiten gemacht, "Babylon Berlin", zu sehen bei Sky. Für Kutscher heißt das: noch mehr Interviewanfragen aus aller Welt. Demnächst kommen seine Romane sogar in Amerika heraus, höchste Ehre für einen deutschen Krimischriftsteller. Und jetzt erscheint der kleine, schicke Band "Moabit", den Kutscher zusammen mit der Berliner Illustratorin Kat Menschik herausgebracht hat.

DIE ZEIT: Im Buch Moabit taucht Ihr Kriminalkommissar Gereon Rath überhaupt nicht auf. Herr Kutscher, ist Ihnen etwa der Rummel zu groß geworden um den Komissar Rath? Gönnen Sie ihm eine Pause?

Volker Kutscher: Moabit ist kein klassischer Rath-Krimi, eigentlich nicht einmal ein klassischer Krimi. Kat Menschik und ich wollten unbedingt ein Buch zusammen machen, das mit meiner Rath-Reihe zu tun hat, aber eigenständig ist. Ich kannte Kats Arbeiten, sie ist Fan meiner Romane. Moabit erzählt die Vorgeschichte einer meiner wichtigen Figuren: Charly.

ZEIT: Charlotte "Charly" Ritter, später Stenotypistin bei der Polizei und Raths Ehefrau.

Kat Menschik: Ich hatte mir Charly als Figur gewünscht, weil es ja sonst immer nur Männer sind in den Krimis, die ermitteln und morden. Und es war mein Wunsch, die Handlung zeitlich weit vor dem letzten Rath-Roman anzusetzen.

ZEIT: In diesem letzten, dem sechsten Band ermittelt Rath im Jahr 1934, die Nazis sind bereits an der Macht.

Menschik: Ich wollte in meinem kleinen Band keine Nazi-Flaggen zeichnen müssen und Hakenkreuze. Wir wissen ja alle, wie ikonisch das wirkt – und wenn man böse sein will: Es sieht ja auch immer geil aus. Schwarz-Weiß-Rot vor altem Berliner Hintergrund, das zieht immer.

Kutscher: Aber da ist man gleich in den Nazi-Klischees.

Menschik: Deswegen habe ich Volker gebeten, die Geschichte Ende der zwanziger Jahre spielen zu lassen.

ZEIT: Herr Kutscher, als Sie vor 15 Jahren mit der Arbeit an den Rath-Romanen begannen, war die gesellschaftliche Stimmung eine andere. Kaum einer hätte Vergleiche zwischen der Gegenwart und der Weimarer Republik gezogen. Heute tut man das. Ihre Reihe wirkt für viele geradezu prophetisch.

Kutscher: Ich hab das alles inszeniert, ich hab die AfD gegründet! Nein, ich halte die Vergleiche oft für Quatsch. Die AfD ist nicht die neue NSDAP, auch wenn in der Partei genug Nazis sitzen. Geschichte wiederholt sich nicht – aber sie wird auch nicht zwingenderweise immer nur besser. Was ich als große Parallele sehe, die mich erschreckt: wie fragil unsere Demokratie ist, von der ich immer dachte, sie sei viel stabiler als die Weimarer.

ZEIT: Frau Menschik, kommt die Weimarer Republik auch in der Bildsprache zurück?

Menschik: Haben wir, was Ästhetik angeht, diese Zeit nicht immer geliebt? Unsere Vorstellung vom damaligen Berlin ist doch für alle eine Sehnsuchtsprojektion: die wilden Zwanziger! Man möchte eine kurze Zeitreise machen und auch dabei sein! Ob das die Architektur ist, Design, Klamotten oder der Lebensstil. Und gleichzeitig wissen wir, was daraus geworden ist. Diese fiebrige Endzeitstimmung, der Tanz auf dem Vulkan. Das fühlt sich für mich heute oft wieder so an! Die Nachrichten werden immer schlimmer, und gleichzeitig merke ich, dass wir heftiger feiern als früher. Wir blenden alles aus und nehmen jede Hochzeit mit, um uns abzulenken.

ZEIT: Die wilden Zwanziger – damit sind auch allerlei visuelle Klischees verbunden, die Sie in Ihren Moabit- Illustrationen geschickt vermeiden.

Menschik: Mir ist bei der Arbeit an dem Buch zum ersten Mal klar geworden, wie frei ich als Illustratorin von Erwachsenenbüchern bin. Ich gehe einfach ganz vom Text weg, erzähle mit Bildern eine zweite Geschichte.

ZEIT: Wie bei Ihrer Gestaltung der Bücher von Haruki Murakami.

Menschik: Ja. Bei Murakami habe ich so eine Technik entwickelt: Ich suche mir einzelne, abseitige Wörter heraus. In einem Nebensatz wird eine Frau als Eichhörnchen beschrieben, weil sie sich hektisch bewegt und nach Essen sucht – dann illustriere ich ein Eichhörnchen. Das hat nichts mit der Geschichte zu tun, aber ist deswegen etwas Eigenes. Für Moabit hatte ich die Idee, mit fiktiven Reklamen zu arbeiten.