Martin Ahrends lebt als Schriftsteller in Werder an der Havel. © Christine Oppe

"Jetzt kommen die dunklen Monate", sagt die Tochter. "Jetzt kann ich das Licht so recht schätzen", sage ich, "die blauen Flecken im Himmelsgrau, den leuchtenden Ahorn. Feuchtes Schimmern in Moos und Heide, die Feld- und Tonsteine zu Füßen und das verheißende Novembergelb am Horizont ... Du wirst sicher schon einen Flug gebucht haben, nehme ich an."

– "Ich fliege nicht weg. Weiß du, worauf ich große Lust hätte? Jetzt ein paar Wochen in der Landwirtschaft zu arbeiten. Den ganzen Tag draußen oder im Stall mit den Händen arbeiten, mit Tieren umgehen, mit Heu und Stroh, Kartoffeln und Rüben. Mit den Stiefeln in weicher Erde. Ich würde anderen Städtern begegnen und nicht im Vorübergehen, sondern intensiv bei extensiver Landarbeit. Im Regen fluchend, lachend am langen Abendbrottisch. Städter, denen es geht wie mir, die immer schon Sehnsucht hatten, ein Pferd zu striegeln. Oder ein Schaf zu scheren ..." – "Das ist nicht so leicht." – "Aber man kann es lernen. Jede Hand wird gebraucht auf dem Land, wenn es gilt, die Intensivierung umzukehren. Jede Hand, die da mittun will für Kost und Logis. Das müsste politisch geregelt werden. Jeder Städter sollte sich jährlich ein paar Wochen auf dem Land verdingen, das täte allen gut. Zuletzt auch den Insekten, die wir so drastisch dezimiert haben, dass sie in manchen Ländern schon mit Bestäubungspuscheln in die blühenden Bäume steigen ... Müssen wir ohnmächtig vor den Zwängen der Effizienz stehen? Können wir nicht auch andere Maßstäbe setzen, wenn wir zumindest mal unsere deutsche Landwirtschaft ... Klingt das jetzt deutschtümelnd? Sag mal, Vater, warum können wir hierzulande nicht das tun, was inzwischen eine Mehrheit für richtig erkannt hat? Warum können wir nicht ein zukunftsfähiges Landleben ins Werk setzen, das den entvölkerten Regionen, der nachhaltigen Ernährung und der seelischen und körperlichen Gesunderhaltung der Städter dienen würde? Es wäre so sinnvoll. Warum kann die Politik das nicht?"

– "Unser politisches System ist auf Reaktion angelegt, nicht auf Aktion. Wenn es da eine Bürgerinitiative gibt, die stark und breit genug ist, dann kann die Politik darauf reagieren. Aber es gibt keinen Fünfjahresplan der Einheitspartei, keine Regierungs-Agenda des Wandels, bevor sich dafür ein konkreter Anlass findet. Denk an den Atomausstieg, das ging erst nach Fukushima." – "Und die Umkehr im Landbau geht erst nach dem großen Agrarkollaps?" – "Die Parteiprogramme meiden Visionen. Da müsste so etwas wie eine Religion her, die keine Angst hat vor mutigen Diesseits-Entwürfen. Und junge Leute wie du, die das gemeinsam ins Werk setzen."